… also liebe ich sie.
Sagt François Morellet, dessen Portrait in der Serie “Künstler Hautnah” auf arte+7 noch eine Woche zu sehen ist.
Seine streng geometrischen Bilder folgen einem logischen Grundkonzept und einer großen Portion Zufall. Zum Beispiel verwendet er für seine Linienbilder ein Raster mit Koordinatensystem, in dem willkürlich herausgesuchte Nummern aus einem Telefonbuch die Positionierung der Linien ergeben.
Er erschafft sich für seine Arbeit Spielregeln. Ihm geht es gerade darum, sich vom Zufall leiten zu lassen und möglichst keine Entscheidungen zu treffen.
Bei seinen (sehr humorvollen) Ausführungen musste ich an die Improvisationsquilts denken und den Versuch, den Stress der Wahlfreiheit durch die selbstauferlegten Regeln zu begrenzen. So waren für den im letzten Beitrag gezeigten Stimmungsquilt als “Spielregel” Tageslaune und willkürliche Schnitte mit der Schere ausschlaggebend.
Beim zweiten Schritt, dem Zusammenstellen der “Tages”-Streifen aber ging es dann gar nicht mehr um eine möglichst chronologische Darstellung, sondern nur noch darum, die Teile wie ein Puzzle zusammen zu fügen. Nur noch die Form war im zweiten Stadium ausschlaggebend, gar nicht mehr die Farbfolge. Der Zufall war maßgeblich.
So kann man zielstrebig arbeiten, ohne sich pausenlos selbst infrage zu stellen und Angst vor der nächsten Entscheidung zu haben.
Ähnlich sind wir vor ein paar Jahren bei einem Zeichenseminar gegen die Angst vor dem weißen Blatt Papier vorgegangen. Jeder sollte für ein kleines Heft eine Bildergeschichte erfinden. Die Themenfindung ergab sich aus mehreren Würfeln, auf denen Substantive, Adjektive und Verben vermerkt waren. Wir erwürfelten Eckpunkte, die in der Geschichte vorkommen sollten. Ich weiß nicht mehr, welche es waren, aber es könnten diese gewesen sein:
- Ding, alt
- belebter Ort
- Vergangenheit
- Mann, alt
- etwas erregt Aufmerksamkeit
- Wunder
Daraus entstand bei mir eine Bildergeschichte mit dem Titel: “Die alte Grützwurst”




Ohne die Würfel wäre ich nie auf die Idee gekommen!
Wenn man schon auf arte+7 ist, kann man auch gleich noch in die Stylenite hineinschauen, mit jeder Menge Informationen über die Modeszene Berlins. Ein Berliner Modedesigner sagt im Interview: “Was man zur Kreativität braucht ist, glaube ich, die Freiheit und den Schmerz”.
Wie auch immer er das meint, ich für mein Teil nehme mir vor, meine Freiheit mehr zu begrenzen und mich lieber von Regeln und vom Zufall leiten zu lassen.
Zum Abschluss noch einmal Morrellet:
“Man muss kein Künstler sein, um sowas zu machen, auch kein Genie. Man muss einfach nur erfinderisch sein.”
Bei ihm liegt die Kunst in der Idee.









8 Kommentare
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
24. Januar 2012 um 3:24 pm
me.anna
Das klingt ziemlich interessant, da muss ich noch flux bei arte vorbeischauen. Danke für den Hinweise & Tip.
24. Januar 2012 um 10:13 pm
kaze
Dein Grützwurstcomic ist ja herrlich schräg!
“Begründungen” und Wege für den Kunstschaffenden sind sicher so vielfältig wie das Leben und seitdem sich die Kunst nicht mehr aus der Bibel speist bzw. für ihre Verständigung steht,braucht ein Künstler auch einen Halt, ein Thema fürs Arbeiten.
Wurstfreie Grüße
25. Januar 2012 um 11:42 am
frifris
Ich fand schon den Titel deines Eintrages toll ;)
Ja, also ich stelle ebenfalls immer wieder fest, dass mir allzu viel Freiheit auch nicht besonders gut tut, im kreativen Bereich (wie auch überhaupt).
Oft ist es so, dass ich beim Nähen durch irgendeinen Mangel oder Fehler gezwungen werde, kreativ zu sein. Daraus ergeben sich überdurchschnittlich häufig die schönsten Objekte! Bei mir funktioniert das also sehr gut.
Es ist auch oft leichter für mich, aus einem gegebenen Stoff etwas zu nähen, als mir völlig frei einen Schnitt herauszusuchen. Ich bin da wohl etwas eigen, bzw. mich springen einfach auch schneller Stoffe als Schnitte an.
Bei meiner (8-jährigen) Tochter stelle ich das auch schon fest. Wenn sie etwas basteln möchte, und einfach so “dahindenkt” oder – noch schlimmer – viele Bücher durchblättert, kann das schon mal sehr lange gehen und sie ist dann trotzdem nicht so zufrieden, wie wenn sie sich vorher für ein Material entscheidet und in diesem schon begrenzten Rahmen sich für etwas entscheiden muss. Die Angst vor dem weißem Blatt eben.
Vielleicht sollte ich die Sendung über Morellet mit ihr zusammen angucken, da sie ja ohnehin “Erfinderin” werden möchte ;)
Manche empfinden solche Vorgaben vielleicht als einengend, ich finde das eher angenehm und experimentiere dann lieber innerhalb der gegebenen – etwas engeren – Grenzen.
25. Januar 2012 um 5:54 pm
Suschna
Das erinnert mich an den Kindergeburtstag hier vor ein paar Monaten: Ich hatte alles zum Stoffdruck vorbereitet, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion noch 10 Baumwollbeutel (mit Kappnähten und Doppelzugband) genäht, alle meine Stempel, Farben, Stifte, Materialien ausgebreitet. Und was passiert? Alle wollen alles probieren, es wird auf jedem Beutel stundenlang herumgebastelt. Am Ende sieht alles auch wie wildes Graffiti. Ach, hätte ich ihnen doch nur eine Kartoffel und eine einzige Farbe gegeben!
25. Januar 2012 um 11:57 am
frifris
Achso, ganz vergessen: Du kannst super zeichnen! Ich finde die Grützwurstgeschichte auch sehr lustig. Machst du da mehr aus deiner Begabung? Schade, dass es die Zeitschrift “Pardon” nicht mehr gibt.
25. Januar 2012 um 5:43 pm
Suschna
Begabung habe ich zwecks Brotberufssstudiums nach dem Abi abgehakt, aber im kleinen Rahmen bin ich inzwischen wieder zurückgekehrt zur kreativen Ader, auch beim Malen und Zeichnen. “Mehr” daraus machen ist ja nicht einfach, das wollen so viele!
26. Januar 2012 um 1:00 pm
Carmen
hallo, bei Grützwurst und Kunst–da bin ich auch wieder dabei. Ich hänge leider beim Kommentieren etwas nach. Schon der letzte Post war eigentlcih dringend und schriftlich zu bewundern.
Der GL-SL (gute Laune-Schlechte Laune)-Quilt ist super geworden und strahlt in den benutzten Farben, sozusagen bei SW-SW (schönem Wetter-schlechtem Wetter) und im Gegenlicht.
Ansonsten bin ich am produktivsten, wenns pressiert: Kartoffeln kochen gleich fertig, der Ferienkoffer muss gepackt sein, Besuch scharrt schon vor der Türe, etc.
Das ist ein wahrer Flow….dann ist natürlich alles schnell fertig und nicht so exakt. Naja. –Manches Teil reicht dann nur für den “Strand”. So hieß eine langjährige Ausrede, wenn das Nähwerk quasi untragbar war und die Vorstellung wie oft –so junge Saarländerin in ihrem Leben schon am Strand waren und dann minütlich wechselnd die Klamotten auftrugen….Diese Vorstellung ließ uns sehr fröhlich werden und weitere Näh- und Bastelaktionen folgten ungebrochen.
lg Carmen
31. Januar 2012 um 12:24 pm
Opus Fashion
Es ist schön anzusehen, dass bestimmte Improvisationstalente noch nicht ausgestorben sind. Dennoch bin ich der Meinung dass das Zitat im letzten Absatz („Was man zur Kreativität braucht ist, glaube ich, die Freiheit und den Schmerz“.) sehr ktitikwürdig ist. Mode ist nämlich nicht Freiheit, sondern auch immer Zwang, und das würde sich ja diametral gegenüber stehen. Liebe Grüße