Textile Geschichten

von Suschna

Gewissensfrage: Klamottenkauf

“Fairer than my daughter” – Eine Mutter-Tochter Challenge

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Unfinished Work – Illustratorin weg zu Whatsapp/Snapchat/WeHeartIt

“Verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre”  – so hieß es gestern bei der Talkrunde “Hart aber Fair – Wie billig darf Kleidung sein” über die Käufer von Kleidung ohne faires Label.

Währenddessen leerten Mutter und Teenagertochter ihre Einkaufstaschen. Sie hatten ihre Herbsteinkäufe bei den großen Bekleidungsketten gerade erfolgreich erledigt, wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Vorangegangen waren:

- das Durchforsten der eingelagerten Wintersachen inklusive der von Verwandten und Freunden weitergereichten Kleidungstüten. Ergebnis: Wintermantel für die inzwischen gewachsene Tochter fehlt, Strumpfhosen fehlen ebenfalls.

- Internetsuche nach fair hergestellter Jugendmode, speziell einem Wintermantel in Größe 156. Am liebsten soll er so aussehen wie ein bestimmter Parka der Marke Zara. Ergebnis:  Nach einstündiger Recherche geben Mutter und Tochter auf. Zu viele Labels, kaum Mäntel, zu wenig für Jugendgrößen, zu uncool, schwierige Rückgabebedingungen.  Generell sind aber zum Beispiel bei Greenality und bei Zündstoff ganz schöne Sachen dabei, mehr Links auch bei Zeit-Online.

- Internetsuche nach Gebrauchtkleidung beim Kleiderkreisel und bei Mamikreisel Der inzwischen hoch favorisierte Look des Parkas von Zara ist passend nicht zu finden. Parkas sind zu groß, zu klein, zu uncool, zu abgenutzt oder gar nicht mal so günstig.

- Terminabstimmung für einen Wintermanteleinkaufstrip nach der Schule. Mutter hat null Lust, sich ins Shoppinggewühl zu mischen. Es muss schnell gehen. Also direktes Ansteuern der Flagshipstores großer Bekleidungsketten, in Berlin am Tauentzien möglich. Rein zu Zara. Sie sehen den Parka, aber leider, es ist ein Jungsparka. Mutter schlägt vor, das Etikett “Zara Boys” rauszutrennen. Tochter lächelt gequält.  Oh, da ist derselbe Parka ja auch für Mädchen. Mutter findet diese Aufteilung lächerlich. Tochter zieht Mädchenparka an, er ist in der Schulterpartie viel schmaler geschnitten, unten weiter, und sieht bedeutend besser aus als der Jungsparka. Mutter kauft Mädchenparka für fünzig Euro.  Für den Preis hätte sie als Selbernäherin noch nicht einmal die Materialien (Schnitt, beschichtete Stoffe, Futter, Wattierung, Kordeln, Borten, Reißverschlüsse, Druckknöpfe) kaufen können. Mutter und Tochter fühlen sich nicht so gut, aber haben eine Wintermantelsorge weniger.

- bei Uniqlo gibt es dann für Mutter und Tochter Strumpfhosen und Leggings, preislich um 10 Euro. Der Laden, eine japanische Mischung aus P&C und H&M, hat wirklich gute Basics. Vor allem übrigens für Männer.

- auf dem Weg zum Bus schaut Mutter noch kurz bei COS rein, ihrem Lieblingsladen. Eigentlich hat sie genug Kleidung, sie will nur mal gucken. Sie fühlt sich in einem 70-Euro-Kleid aus ziemlich besonderem Strickstoff sehr wohl und kauft es.

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Und jetzt?

Jetzt prüfen wir hier mal, wie schlimm sie sind. Wer ist schlimmer, wer fairer, Mutter oder Tochter? COS oder Zara? Beide Kleidungsstücke sind Made in China, mehr weiß ich auch noch nicht.  Und was ist mit Uniqlo, dem Newcomer aus Japan? An der Kasse laufen über Monitore Animationen, die von Hilfsprojekten in den Herstellungsländern berichten.

Wir werden sehen! Stay tuned, schaut mal wieder vorbei.

In der Zwischenzeit könnt ihr ja zum Beispiel hier über Greenpeace Herrn Entwicklungsminister Müller schreiben. Der hat nämlich gestern in der Sendung um Emails gebeten, damit er die Textilwirtschaft für seinen runden Tisch noch ein bisschen unter Druck setzen kann.

Und noch zwei Links: Der Jeans-Check auch von gestern abend, und die Berliner Zeitung zur Talkrunde: “Ab sofort nackt!” 

Kurznachrichten III

Für Nicht-Twitterer hier wieder eine Auswahl von Tweets.  Zum Beispiel den Anblick eines verblüffend modern wirkenden Patchworkcovers von 1718. In Großbritannien gibt es kein Patchwork, das älter datiert ist.

Mittelalterliche Manuskripte, zu Futterstoff recycled oder mit bunter Seide bestickt:

Könnten von Louise Bourgeois sein – 300 Jahre alte Modelle aus Stoff für die Hebammenausbildung:

Der Retronaut sammelt kuriose Bilder aus digitalen Bildarchiven – hier Zukunftsvisionen aus dem Jahr 1910:

Die Kopfhörer! In den Klassen sieht es während des Unterrichts zwar noch nicht so aus, aber sonst schon.

Mit der Flut urheberrechtsfreier Bilder geht jetzt richtig los. Gerade wurden 2,6 Millionen Abbildung online gestellt.  In der Datenbank der Internet Archive Book Images bei Flickr würde ich am liebsten nächtelang herumstöbern. Die Suche nach textilen Themen gerät dort ziemlich beliebig – aber die Zufallsfunde sind umso verblüffender.

Zum Schluss noch aktuelle Nähnachrichten:

Die Great British Sewing Bee wurde nach Frankreich importiert.

Bei Arte kann man sein Upcycling-Projekt hochladen und gewinnen.  Arte empfiehlt Nahtzugabe als Inspirationsquelle.

Musterhefte – Nachtrag Weben

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Ein paar Funde vom Quilttreffen am letzten Sonntag wollte ich euch nicht vorenthalten. Das sind keine Entwürfe für Patchworkdecken – obwohl das eine gute Idee wäre. Das sind Zeichnungen, die angehende Weberinnen in ihren Ausbildungsheften anfertigten.

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Kleine Kästchen, mit Wasserfarben oder Buntstiften detailliert ausgefüllt, zeigen die vielen verschiedenen Webarten. Die unendlichen Möglichkeiten, Kett- und Schussfäden zu verbinden.

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Kleine Stoffproben daneben geben einen Eindruck vom fertigen Produkt.

Ein paar Seiten mit Rastern und Querschnitten von komplizierten Stoffen zeige ich hier – klickt aufs Bild für Einzelheiten.

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Falten- und Plisségewebe

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Doppel-Piqué

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Samt und Plüsch in Doppelware

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Aufgeschnitten: Zwei Lagen Plüsch

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Schlingengewebe. Frottierstoffe.

Stoffe mit kontrastierender Vorder- und Rückseite

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Hohlware mit Steppkette

Schlauchgewebe ohne Naht  (passt zum Beitrag “Das letzte Hemd” – Jesu nahtloses Gewand).

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Ich finde die Seiten ja nicht nur technisch und historisch von Interesse – ich finde sie auch einfach nur schön anzusehen. Außerdem hilft das Anfassen und Anschauen von Proben. Hätte ich ein Buch, in dem alle Stoffarten eingeklebt sind, könnte ich mir endlich unter all den Stoffbezeichnungen etwas vorstellen.

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Flachs, Lein, Hanf, Jute

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Noch ein weiterer Nachtrag zum Thema Weben: Der Illustrator Christoph Niemann hat Berlingeschichte aus Papierstreifen gewebt.

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Oben links ein Sprung über die Mauer, oben rechts der Mauerfall, siehe Tagesspiegel

Aber auch ansonsten scheint er textilaffin

 

Stoffspielerei im August: Dachbodenfund gerettet

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Lange gesucht und gefunden: Eine stockfleckige Kiste, die meine Eltern freundlicherweise seit meiner Schulzeit auf ihrem Dachboden gelagert hatten. Meine Mutter beschriftete sie wohl nach meinem Auszug.  Den Karton brauchte ich für die Aktion Stoffspielerei, denn  Lucy  hatte  für diesen Monat “Weben” vorgeschlagen.

Als ich die Kiste aufklappte, war ich überrascht: Auf meinem Schulwebrahmen ruhte noch mein letztes Projekt.

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Die Kettfäden, offensichtlich aus Nähgarn, hatte ich sehr lang angelegt. Wahrscheinlich wollte ich einen Schal machen. An die wie ein Pfauenauge schillernde Wolle kann ich mich noch erinnern.  Für meine Verhältnisse war alles überraschend sauber gearbeitet, den Rand hatte ich ziemlich gleichmäßig hinbekommen.

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Da ich inzwischen weder passende Wolle hatte noch einen Pfauenaugeschal wollte, schnitt ich die Kettfäden ab. Und das 40 cm lange Stück?  Stoffspielerei sei Dank ist es nicht wieder auf einem Dachboden gelandet. Es wurde zu einer gefütterten Tasche.

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Das Verarbeiten des lockeren Webstücks war gar nicht so einfach, es hat beim Annähen des Reißverschlusses ziemlich gelitten. Besser wäre es gewesen, alles vor dem Nähen zu hinterfüttern und nur Handnähte zu verwenden.

Nun freue ich mich, dass mir unser Sonntagstermin einen Kick gegeben hat, das Webstück zu retten. Auf dem Webrahmen ist auch noch genug Kettfaden zum Weiterweben vorbereitet.   Wer noch ein bisschen zum Thema lesen möchte: Hier erzählt eine Paramentenweberin, was sie so macht.

Danke an die ganze Runde und besonders an Lucy, die heute auf ihrem Blog die Links sammelt.

Schönen Sonntag noch und viel Freude beim Anschauen anderer Gewebe!

Streifenshirts und visuelle Gedächtnisse

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Überall Militär im Fernsehen. Mein Blick bleibt am Ausschnitt des Sprechers des ukrainischen Verteigigungsrats hängen. Er trägt unter seiner Jacke ein gestreiftes Shirt. 

Ich denke zuerst an Jean Paul Gaultier,  dann an bretonische Fischerhemden,  Beatniks, Picasso mit Brötchenfingern, James Dean, Brigitte Bardot.  Von allen gibt es Fotos im Streifenhemd. Wie kommt das Hemd in die ukrainische Armee?

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Ich finde heraus: Das Telnyashka, das gestreifte Trikothemd, gehörte schon seit 1874  zur Uniform der russischen Marine. Russische Quellen schreiben die Verbreitung holländischen Handelsschiffen zu, die das bequeme Trikot aus Frankreich und den Niederlanden mitbrachten. Später übernahmen  andere Teile der sowjetischen Streitkräfte das Hemd.

In Frankreich war das Streifenhemd bereits 1858 offizieller Teil der Marineuniform. Die Anzahl und Breite der Streifen wurden per Dekret genau festgelegt.  Dass die Streifen Napoleons Siege symbolisieren sollten ist nur eine Legende.  Ebenso läßt sich nicht belegen, warum ausgerechnet die blau-weißen Streifen Tradition wurden. Vielleicht weil Matrosen so leichter in der Takelage oder im Wasser gesehen werden konnten?

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Marin francais, via Wikicommons

Tatsache ist jedenfalls, dass das Streifenhemd bei Seefahrern und Fischern sehr beliebt war und dann Anfang des 20. Jahrhunderts vom Jet-Set auf Urlaub an der französischen Küste als modisch aufgegriffen wurde. Coco Chanel verbreitete Marinelook über ihre Boutique in Deauville. Das Streifenshirt, das sie am Hafen gekauft hatte, trug sie aber nur privat. Saint Laurent und Gaultier brachten den gestreiften Strick auf die Laufstege. Heute ist das Shirt allgegenwärtig.

Gleichzeitig haben solche Signalstreifen aber noch eine andere Geschichte: Im frühen Mittelalter kennzeichnete gestreifte Kleidung diejenigen, die außerhalb der Gesellschaft standen.  Bekannt ist gestreifte Häftlingskleidung – es ging es darum, einen Menschen aufgrund der Kleidung gleich erkennen zu können. Im Karneval braucht es nur einen  Pyjama mit schwarz-weißen Blockstreifen, fertig ist der Sträflingslook. Die Verkleidung wird allgemein verstanden.

Hier kommt nun eine Meldung von gestern ins Spiel.

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Für mich ist die Assoziation beim Anblick des Fotos ganz eindeutig und ich saß zunächst mit offenem Mund da. Wie kommt es, dass so etwas in einem großen Bekleidungskonzern nicht an irgendeiner Stelle gestoppt wird? Sitzt dort niemand mit meinem visuellen Gedächtnis? Ich habe das Foto verschiedenen Nationalitäten meiner Generation gezeigt. Alle waren gleich entsetzt. Ein Streifenshirt wird mit einem gelben Stern auf der linken Brust zum KZ-Hemd, das ist klar.

Und dann habe ich  Teenager nach ihren Assoziationen zu dem Shirt  gefragt.  “Meer, Marine, See, Petit Bateau”- “Nacht, Sterne”- “Sheriff im wilden Westen, Polizei”.  Das Ergebnis war eindeutig, die Ideen ganz unschuldig.  Es braucht nur eine Generation, um eine Assoziation zu verwischen.

Die einen denken beim Anblick des ukrainischen Sprechers an Gaultier und die anderen beim Zara-Shirt an die Wasserschutzpolizei. So verändert sich die Welt. Hauptsache, die alten und die jungen Gedächtnisse und die verschiedenen Kulturkreise hören sich gegenseitig gut zu.

 

Tour de France textil

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Immer wieder schön: Vorhanglösungen in Frankreich

 

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Gotischer Bilderteppich: Die illuminierte Fassade der Kathedrale von Amiens. So bunt bemalt waren Kirchen im Mittelalter.

 

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Touristenattraktion und UNESCO-Welterbe: Teppich von Bayeux in der Normandie. Ein 60 Meter langer bestickter Fries aus dem 11. Jahrhundert. Für die Reise zu diesem Wunderwerk hatte ich im Rahmen der Familienverhandlungen einiges in die Waagschale geworfen.  Und war nach dem Besuch dann sauer.  Aber dazu ein anderes Mal mehr.

 

Salle Dentelle

Bild: MAHB Bayeux, Lizenz

 Spitzenherstellung in der Normandie – im Museum Baron Gérard, MAHB, in Bayeux lässt sich erahnen, was für unglaubliche Kunstfertigkeiten für das Verbinden der haarfeinen Fäden nötig waren. Mit vielen Schubladen zum Herausziehen, so wie man es sich als Bewunderer von Spitzenkunst wünscht.

Gustave Caillebotte im MAHB. Quelle: Wikicommons

 

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Rekonstruiertes Renaissance-Bett im Schlösschen Azay-le-Rideau nahe der Loire. Die verwendeten Textilien darf man auf der Schautafel anfassen.

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Schönes Buch zur Geschichte der Stoffe in Frankreich .  (Gebraucht günstig zu haben, z.B. abe-books).

 

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Prophet in Extase: Eine in der Romanik seltene Darstellung von bewegtem Faltenwurf und Spitzenbordüren, alles aus einem Steinblock gehauen. (Abtei in Souillac, Dordogne).

 

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Schneiderateliers, Nähcafés, Patchworkgeschäfte und -märkte in den abgelegensten Orten.  Dafür sucht man dann aber vergeblich nach Glühbirnen, Kaffeelöffeln oder Papierkörben.

 

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Kreuzstickende Besucherin auf einem Bauernmarkt in den Pyrenäen.

 

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Die Unabhändigkeitsflagge der Katalaner an einem Haus in den Pyrenäen.  Katalonien will ein eigenes europäisches Land sein – und schaltet dafür auch Kinowerbung hinter der französischen Grenze. Am 9. November soll über die Abspaltung von Spanien abgestimmt werden.

 

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Von den Pyrenäen in die Provence nach Avignon: Gefängniskleidung der ehemaligen Haftanstalt, die erst vor zehn Jahren geschlossen wurde. Momentan läuft dort die Ausstellung “La Disparition des Lucioles“. Die moderne Kunst in den Zellen kommt kaum gegen die Atmosphäre des Gebäudes an.

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Stickerei auf bedrucktem Stoff und Papier, Francesco Vezzoli, nach Ingres

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Tom Burr, Susan Blushing

 

 

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Loombands sind uns überall auf der Reise begegnet. Die ganze Jugend “häkelte” diese Gummiarmbänder. Sind sie bei euch auch der letzte Schrei?  Zurück im kalten Berlin wirken sie aber irgendwie nicht mehr ganz so tragbar.

Soweit meine Textilfotos aus Frankreich. Mangels Internet kommen sie nun in geballter Form  Drei Wochen ohne Anschluss, das war auch mal ganz gut.

Aber nun freue ich mich wieder über mein und euer Onlinedasein.  Und weise zum Abschluss auf die französische Version der Great British Sewing Bee hin.  Ansonsten bis bald!

 

 

 

Stoffspielerei im Juli: Sashiko zum Putzen

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Für die heutige Stoffspielerei hat  Frifris das Thema”Sashiko” ausgerufen.  Gelegenheit,  mich mit dieser japanischen Stickerei zu versöhnen.

Hatte ich doch vor bald fünf Jahren über Sashiko behauptet: “Viel Spaß beim Probieren – ich für mein Teil lasse in Zukunft die Finger davon”.  Das ließ eine japanische Freundin damals nicht gelten und schenkte mir ein Fertigpaket, direkt zum Loslegen mit vorgedruckten Sticklinien.

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Also habe ich mir nun die zwei Lagen Baumwolle vorgenommen, immer hoch-runter mit einer langen Nadel und blauem Baumwollgarn gestickt. Was wohl in der japanischen Beschreibung stand? Ich kann nicht  sagen, ob ich alles richtig gemacht habe.

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Ich weiß nur, dass es unfassbar lang gedauert hat, 6 Stunden Autobahn und noch einen Fernsehabend.

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Diese Mühen sind schnell vergessen, wenn man am Ende ein schönes Putztuch hat.  Zum Wischen ist der Lappen nämlich gedacht. Mehr dazu und zu den Werken meiner japanischen Freundin in diesem Beitrag: Sashiko mit Himmelsbaum.

 

Nun bin ich gespannt, was  Frifris und andere auf japanisch gestickt haben. Vielen Dank für das Thema und das Sammeln der Links, liebe Frifris!

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Meine afrikanischen Stoffe – falsch oder echt?

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Gleich drei glänzende Pseudo-Echtheitsaufkleber. Vielleicht App-Tex aus Pakistan? Die Webadresse läuft ins Leere.

Inzwischen ist es mir hier  selbst im Keller zu heiß. Das richtige Klima für afrikanische Druckstoffe aus Baumwolle, sogenannte Waxprints/Javaprints/Fancies.  Die  SS 2015 – Schau von Lena Hoschek auf der Fashion Week hat gerade wieder gezeigt, wie toll die Muster eingesetzt werden können.

In den letzten Jahren habe ich afrikanische Baumwolldrucke  im Internet, auf der Textile Art und auf Märkten gekauft und war froh, überhaupt welche zu bekommen, deren Muster mir gefielen.  Inwischen habe ich immer mal Bemerkung gehört, es gäbe “echte” und “falsche” Versionen dieser Stoffe.  Auf den Webkanten bei mir steht irgendetwas von “guaranteed, veritable, real”.  Zeit, sich mal näher mit dem Thema zu beschäftigen.

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Darüber, dass diese Druckstoffe eigentlich gar nicht genuin afrikanisch, sondern indonesischen Ursprungs waren und von den Kolonialmächten England und Holland in Westafrika eingeführt wurden hatte ich zum ersten Mal  hier geschrieben, andere Blogbeiträge zum Thema hier.

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Sofa zur WM, vor vier Jahren gebloggt.

Sicher ist, dass Stoffe der niederländischen Traditionsmarke Vlisco die teuersten sind und in Westafrika einen sehr hohen Status haben.

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Auf diesem Stoff steht Vlisco drauf – ob auch Vlisco drin steckt?

Ein Großteil der in Afrika angebotenen Stoffe werden aus Europa oder Asien importiert oder vor Ort – meist von Tochterfirmen europäischer Marken – produziert.

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Im Lauf der Zeit ließen viele Firmen in Asien günstiger drucken.  Asiatische Hersteller sahen die Gelegenheit und boten die Stoffe dann auch selbst auf dem afrikanischen Markt an. Inzwischen sind chinesische Produzenten dabei, prestigeträchtige europäische Marken aufzukaufen.

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Bewährt sich im zweiten Gartenjahr: Tischdecke aus Stoff der chinesischen Firma Hitarget – bis zu 50 Prozent der in Ghana verkauften Stoffe stammen von Hitarget.

Es lässt sich also nicht sagen, welche dieser Stoffquellen nun die bessere weil  “authentische” ist. Mit Sicherheit “falsch” sind Stoffe, die geschützte Muster kopieren oder sich z.B. mit einem gefälschten Vlisco-Label schmücken. Das heißt aber noch nicht automatisch, dass die Stoff- und Druckqualität sehr schlecht ist. Inzwischen gibt es sogar Kopien von angesehen asiatischen Labels – das “Made in” führt also nicht weiter.

Eine gute Qualtität hat eine hohe Fadendichte, zeigt satte, leuchtende Farben, der Druck ist auf Vorder- und Rückseite gleich stark,  die Farbe wäscht und bleicht nicht aus,  der Druck ist klar.

Bei meinen Stoffen sehe ich keine großen Qualitätsunterschiede, habe aber auch noch nicht alle benutzt und gewaschen. Zwei Stücke, die ich vor Jahren auf dem holländischen Stoffmarkt gekauft habe, scheinen mir etwas dünner und gröber, weniger glatt.  Mit den Stoffen aus dem Internet (Pamoja) als auch denen vom Maybachufermarkt hier in Berlin bin ich zufrieden. (Auf dem Markt muss man die raren Stoffe allerdings erst einmal erspähen – am besten wie ich lokal versierte Nähnerds dabeihaben! Wie wäre es eigentlich mal mit einem Geschäftsmodell “Nähnerd-Marktguide”?)

Viele der Stoffe sind sehr fest und haben anfangs noch eine glänzende wachsartige Oberfläche. Afrikanerinnen mögen das wohl gern – es lassen sich daraus skulpturale Kleidungsstücke herstellen. Die Beschichtung wäscht sich mit der Zeit aus. Ich habe auch gelesen, dass manche die Stoffe “nachwachsen”, um den festen Griff, den Glanz und auch die Unempfindlichkeit gegen Schmutz zu behalten.

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Mein Kleid, hier gezeigt,  ist mir mit dem festen Stoff ehrlich gesagt ein bisschen zu hart und unbequem. Ein Rock wäre vielleicht besser gewesen.

Traditionell ist ein Stoffstreifen 6 yard (ca. 5,50 Meter) lang und liegt etwas über einen Meter breit.  In manchen Geschäften muss man gleich die ganzen 6 yard kaufen, aber meine Quellen ließen auch Abschnittskäufe zu.  Zwischen fünf und zehn Euro pro Meter habe ich bezahlt.

Hier  noch zwei weiterführende Beiträge zum Thema:   History of Dutch Wax Prints und Borrowed Ideas:  Wax Prints.  Kaufinfos für Paris habe ich in diesem Blog gesehen. Und falls eure Urlaubsroute nach Holland geht, könnt ihr ja in Helmond bei Vlisco anhalten.  Ich arbeite zur Zeit daran, unsere Reiseroute entsprechend zu manipulieren.

Wie immer freue ich mich über Zusatzinformationen. Habt ihr noch Bezugsquellen getestet?

Zum Abschluss der Link zur Modenschau und zwei passende Twittereien.

(In dem Interview erzählt Nina Hoschek, welche Probleme sie hat, Models in Größe 36 zu finden – die meisten Pofis sind leider dünner…)

Klöppeln im Billiglohnland

 

Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters lernt 1840 im Erzgebirge Heimarbeiterinnen kennen. Sie schreibt daraufhin das Gedicht “Die Klöpplerinnen”.

Klöpplerinnen

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Die Wangen bleich und die Augen rot!
Sie mühen sich ab für einen Bissen,
Für einen Bissen schwarzes Brot!

Großmutter hat sich die Augen erblindet,
Sie wartet, bis sie der Tod befreit -
Im stillen Gebet sie die Hände windet:
Gott schütz’ uns in der schweren Zeit.

Die Kinder regen die kleinen Hände,
Die Klöppel fliegen hinab, hinauf,
Der Müh’ und Sorge kein Ende, keine Ende!
Das ist ihr künftiger Lebenslauf.

Die Jungfrauen all, daß Gott sich erbarme,
Sie ahnen nimmer der Jugend Lust -
Das Elend schließt sie in seine Arme,
Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust.

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen,
Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt:
Ihr Reichen, Großen – hat das Gewissen
Euch nie in der innersten Seele gebebt?

Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben,
Genießt das Leben in Saus und Braus,
Indessen sie vor Hunger sterben,
Gott dankend, daß die Qual nun aus!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Und redet noch schön von Gottvertraun?
Ihr habt es aus ihrer Seele gerissen,
Weil sie Euch selber gottlos schaun!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Und fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit,
Dann werde Euer Sterbekissen
Der Armut Fluch und all ihr Leid!

via Wortblume


Das Gedicht wird 1840 im Erzgebirge in einer Lokalzeitung veröffentlicht und löst wegen seines sozialkritischen Inhalts große Empörung aus.

Dazu passt dieser Holzstich, der  klöppelnde Kinder im Erzgebirge Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt.

Leider darf ich die Abbildung aus dem Bildarchiv preußischer Kulturbesitz aufgrund der Nutzungsbedingungen nicht ohne vorherige Anfrage zeigen.  Die Library of Congress in den USA bietet dagegen zum Glück gemeinfreie Bilderdatenbanken. Dort habe ich viele Fotos zur Heimarbeit Anfang des letzten Jahrhunderts gefunden.  Geklöppelt zu Niedrigstlohn wurde  auch dort.

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Mutter und 13jährige Tochter klöppeln in Heimarbeit in New York, 1911 Quelle

Gewebtes auf der Textile Art

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Bildweberei von Ruth Löbe

 

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Handweberei Sylvia Wiechmann

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Beate Baberske, Fensterbahn

 

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Kanteweberei von der Baobab Schule, Ghana

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Laima Oržekauskienė, Women in their Fifties. Handgewebt + Digitaldruck

Dieses Jahr habe ich mich sehr gefreut, dass ich auf der Textile Art in Berlin-Kreuzberg Fotos machen durfte! Endlich kann ich zeigen, was mir gefallen hat und fleißig verlinken. Leider hatte ich diesmal nur ganz kurz Zeit und bin über den Schwerpunkt Weben kaum hinausgekommen  –  allein da war schon so viel zu sehen.

Falls jemand Lust hat, alles, Weben, Sticken, Stricken, Klöppeln, Filzen und Posamentieren als Handwerksberuf zu lernen: Es gibt jetzt eine Ausbildung zum “Textilgestalter im Handwerk“.

Und hier ein Blick auf einen Teil meiner Einkäufe, alles aus Afrika.

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Mehr Bericht und Bilder, auch zum Gebäude, hier bei hehocra.

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