Textile Geschichten

von Suschna

Stoffspielerei im Juli: Sashiko zum Putzen

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Für die heutige Stoffspielerei hat  Frifris das Thema”Sashiko” ausgerufen.  Gelegenheit,  mich mit dieser japanischen Stickerei zu versöhnen.

Hatte ich doch vor bald fünf Jahren über Sashiko behauptet: “Viel Spaß beim Probieren – ich für mein Teil lasse in Zukunft die Finger davon”.  Das ließ eine japanische Freundin damals nicht gelten und schenkte mir ein Fertigpaket, direkt zum Loslegen mit vorgedruckten Sticklinien.

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Also habe ich mir nun die zwei Lagen Baumwolle vorgenommen, immer hoch-runter mit einer langen Nadel und blauem Baumwollgarn gestickt. Was wohl in der japanischen Beschreibung stand? Ich kann nicht  sagen, ob ich alles richtig gemacht habe.

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Ich weiß nur, dass es unfassbar lang gedauert hat, 6 Stunden Autobahn und noch einen Fernsehabend.

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Diese Mühen sind schnell vergessen, wenn man am Ende ein schönes Putztuch hat.  Zum Wischen ist der Lappen nämlich gedacht. Mehr dazu und zu den Werken meiner japanischen Freundin in diesem Beitrag: Sashiko mit Himmelsbaum.

 

Nun bin ich gespannt, was  Frifris und andere auf japanisch gestickt haben. Vielen Dank für das Thema und das Sammeln der Links, liebe Frifris!

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Meine afrikanischen Stoffe – falsch oder echt?

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Gleich drei glänzende “Echtheits”aufkleber. Vielleicht App-Tex aus Pakistan? Die Webadresse läuft ins Leere.

Inzwischen ist es mir hier  selbst im Keller zu heiß. Das richtige Klima für afrikanische Druckstoffe aus Baumwolle, sogenannte Waxprints/Javaprints/Fancies.  Die  SS 2015 – Schau von Lena Hoschek auf der Fashion Week hat gerade wieder gezeigt, wie toll die Muster eingesetzt werden können.

In den letzten Jahren habe ich afrikanische Baumwolldrucke  im Internet, auf der Textile Art und auf Märkten gekauft und war froh, überhaupt welche zu bekommen, deren Muster mir gefielen.  Inwischen habe ich immer mal Bemerkung gehört, es gäbe “echte” und “falsche” Versionen dieser Stoffe.  Auf den Webkanten bei mir steht irgendetwas von “guaranteed, veritable, real”.  Zeit, sich mal näher mit dem Thema zu beschäftigen.

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Darüber, dass diese Druckstoffe eigentlich gar nicht genuin afrikanisch, sondern indonesischen Ursprungs waren und von den Kolonialmächten England und Holland in Westafrika eingeführt wurden hatte ich zum ersten Mal  hier geschrieben, andere Blogbeiträge zum Thema hier.

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Sofa zur WM, vor vier Jahren gebloggt.

Sicher ist, dass Stoffe der niederländischen Traditionsmarke Vlisco die teuersten sind und in Westafrika einen sehr hohen Status haben.

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Auf diesem Stoff steht Vlisco drauf – ob auch Vlisco drin steckt?

Ein Großteil der in Afrika angebotenen Stoffe werden aus Europa oder Asien importiert oder vor Ort – meist von Tochterfirmen europäischer Marken – produziert.

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Im Lauf der Zeit ließen Firmen in Asien günstiger drucken – und inzwischen bieten auch asiatische Hersteller die Stoffe an. Chinesische Produzenten sind dabei, prestigeträchtige europäische Marken aufzukaufen.

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Bewährt sich im zweiten Gartenjahr: Tischdecke aus Stoff der chinesischen Firma Hitarget – bis zu 50 Prozent der in Ghana verkauften Stoffe stammen von Hitarget.

Es lässt sich also nicht sagen, welche dieser Stoffquellen nun die bessere weil  “authentische” ist. Mit Sicherheit “falsch” sind Stoffe, die geschützte Muster kopieren oder sich z.B. mit einem gefälschten Vlisco-Label schmücken. Das heißt aber noch nicht automatisch, dass die Stoff- und Druckqualität sehr schlecht ist. Inzwischen gibt es sogar Kopien von angesehen asiatischen Labels – das “Made in” führt also nicht weiter.

Eine gute Qualtität hat eine hohe Fadendichte, zeigt satte, leuchtende Farben, der Druck ist auf Vorder- und Rückseite gleich stark,  die Farbe wäscht und bleicht nicht aus,  der Druck ist klar.

Bei meinen Stoffen sehe ich keine großen Qualitätsunterschiede, habe aber auch noch nicht alle benutzt und gewaschen. Zwei Stücke, die ich vor Jahren auf dem holländischen Stoffmarkt gekauft habe, scheinen mir etwas dünner und gröber, weniger glatt.  Mit den Stoffen aus dem Internet (Pamoja) als auch denen vom Maybachufermarkt hier in Berlin bin ich zufrieden. (Auf dem Markt muss man die raren Stoffe allerdings erst einmal erspähen – am besten wie ich lokal versierte Nähnerds dabeihaben! Wie wäre es eigentlich mal mit einem Geschäftsmodell “Nähnerd-Marktguide”?)

Viele der Stoffe sind sehr fest und haben anfangs noch eine glänzende wachsartige Oberfläche. Afrikanerinnen mögen das wohl gern – es lassen sich daraus skulpturale Kleidungsstücke herstellen. Die Beschichtung wäscht sich mit der Zeit aus. Ich habe auch gelesen, dass manche die Stoffe “nachwachsen”, um den festen Griff und den Glanz zu behalten.

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Mein Kleid, hier gezeigt,  ist mir mit dem festen Stoff ehrlich gesagt ein bisschen zu hart und unbequem. Ein Rock wäre vielleicht besser gewesen.

Traditionell ist ein Stoffstreifen 6 yard (ca. 5,50 Meter) lang und liegt etwas über einen Meter breit.  In manchen Geschäften muss man gleich die ganzen 6 yard kaufen, aber meine Quellen ließen auch Abschnittskäufe zu.  Zwischen fünf und zehn Euro pro Meter habe ich bezahlt.

Hier  noch zwei weiterführende Beiträge zum Thema:   History of Dutch Wax Prints und Borrowed Ideas:  Wax Prints.  Kaufinfos für Paris habe ich in diesem Blog gesehen. Und falls eure Urlaubsroute nach Holland geht, könnt ihr ja in Helmond bei Vlisco anhalten.  Ich arbeite zur Zeit daran, unsere Reiseroute entsprechend zu manipulieren.

Wie immer freue ich mich über Zusatzinformationen. Habt ihr noch Bezugsquellen getestet?

Zum Abschluss der Link zur Modenschau und zwei passende Twittereien.

 

 

(In dem Interview erzählt Nina Hoschek, welche Probleme sie hat, Models in Größe 36 zu finden – die meisten Pofis sind leider dünner…)

 

 

Klöppeln im Billiglohnland


Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters lernt 1840 im Erzgebirge Heimarbeiterinnen kennen. Sie schreibt daraufhin das Gedicht “Die Klöpplerinnen”.

Klöpplerinnen

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Die Wangen bleich und die Augen rot!
Sie mühen sich ab für einen Bissen,
Für einen Bissen schwarzes Brot!

Großmutter hat sich die Augen erblindet,
Sie wartet, bis sie der Tod befreit -
Im stillen Gebet sie die Hände windet:
Gott schütz’ uns in der schweren Zeit.

Die Kinder regen die kleinen Hände,
Die Klöppel fliegen hinab, hinauf,
Der Müh’ und Sorge kein Ende, keine Ende!
Das ist ihr künftiger Lebenslauf.

Die Jungfrauen all, daß Gott sich erbarme,
Sie ahnen nimmer der Jugend Lust -
Das Elend schließt sie in seine Arme,
Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust.

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen,
Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt:
Ihr Reichen, Großen – hat das Gewissen
Euch nie in der innersten Seele gebebt?

Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben,
Genießt das Leben in Saus und Braus,
Indessen sie vor Hunger sterben,
Gott dankend, daß die Qual nun aus!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Und redet noch schön von Gottvertraun?
Ihr habt es aus ihrer Seele gerissen,
Weil sie Euch selber gottlos schaun!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Und fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit,
Dann werde Euer Sterbekissen
Der Armut Fluch und all ihr Leid!

via Wortblume


Das Gedicht wird 1840 im Erzgebirge in einer Lokalzeitung veröffentlicht und löst wegen seines sozialkritischen Inhalts große Empörung aus.

Dazu passt dieser Holzstich, der  klöppelnde Kinder im Erzgebirge Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt.

Leider darf ich die Abbildung aus dem Bildarchiv preußischer Kulturbesitz aufgrund der Nutzungsbedingungen nicht zeigen.  Die Library of Congress in den USA bietet dagegen zum Wohle aller gemeinfreie Bilderdatenbanken. Dort habe ich viele Fotos zur Heimarbeit Anfang des letzten Jahrhunderts gefunden.  Geklöppelt zu Niedrigstlohn wurde  auch dort.

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Mutter und 13jährige Tochter klöppeln in Heimarbeit in New York, 1911 Quelle

Gewebtes auf der Textile Art

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Bildweberei von Ruth Löbe

 

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Handweberei Sylvia Wiechmann

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Beate Baberske, Fensterbahn

 

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Kanteweberei von der Baobab Schule, Ghana

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Laima Oržekauskienė, Women in their Fifties. Handgewebt + Digitaldruck

Dieses Jahr habe ich mich sehr gefreut, dass ich auf der Textile Art in Berlin-Kreuzberg Fotos machen durfte! Endlich kann ich zeigen, was mir gefallen hat und fleißig verlinken. Leider hatte ich diesmal nur ganz kurz Zeit und bin über den Schwerpunkt Weben kaum hinausgekommen  –  allein da war schon so viel zu sehen.

Falls jemand Lust hat, alles, Weben, Sticken, Stricken, Klöppeln, Filzen und Posamentieren als Handwerksberuf zu lernen: Es gibt jetzt eine Ausbildung zum “Textilgestalter im Handwerk“.

Und hier ein Blick auf einen Teil meiner Einkäufe, alles aus Afrika.

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Mehr Bericht und Bilder, auch zum Gebäude, hier bei hehocra.

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Kurznachrichten

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CMYK-Buchstaben in Kreuzstich und moderne Monogramme, gestickt von Evelin Kasikov.   Hätte ich für die Stoffspielerei von Sonntag besser mal früher gefunden.

Was Wäsche wert war:  “Ich kam nach Frankfurt, um mein Silber zu versetzen, das Letzte, was wir hatten; in Köln ließ ich meine Möbel verkaufen, weil ich Gefahr lief, Wäsche und alles mit Beschlag belegt zu sehen.”  (Jenny Marx in einem Brief 1850).  Später muss dann doch auch dieser Teil ihrer Aussteuer noch herhalten.

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Dank an Karen für den Hinweis.

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Jenny und Karl Marx, Wikicommons

Eigentlich waren unsere Vorfahren nicht so streng wie sie auf den Fotos erscheinen.  Sie mussten eben nur 3 Sekunden ganz stillhalten.

 

Darf sich bewegen: Die heilige Familie. Maria webt Bändchen, Josef hobelt(?), und Jesus lernt laufen.

Jesus in a baby walker from the Hours of Catherine of Cleves

Stundenbuch der Katharina von Kleve, Wikicommons

Was ich noch so auf Twitter los- und weitergeschickt habe:

Männer am Klöppelsack schaffen nur einfache Muster mit wenigen Klöppelpaaren. Frauen beherrschen 50 Paare und mehr. (1870 im Erzgebirge)

An der Wand eines Nähsaals in Strafanstalt um 1900 » Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen.«

Ostprodukte im Westregal und Westware aus dem Ostknast – läuft gerade im rbb

Warum Farben verblassen. via

Zuerst die Tuchgeschichte von Schwarz-Rot-Gold und dann noch lustig Fußball

Primark: Hilferufe in Kleidern sind Fälschungen

Shopping-Samstag bei Primark: Unsere Autorin hat sich ins Textilgewühl begeben und fällt vom Glauben ab (raw)

Empfehlungsliste: 50 Filme mit und über Mode http://t.co/gtLf22ntey

 

Nicht-Twitterer, macht so eine Auflistung Sinn? Versprochen hatte ich es ja.

Stoffspielerei Juni: Monogramme und mehr

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Heute sammle ich hier Links zur monatlichen Stoffspielerei. Statt Monogramm gibt es bei mir hier nur ein schnell geschossenes Bild von einer maschinengestickten Zahl auf einer Ehrenplakette. Mit solchen selbstgemachten Ansteckern als Geburtstagsgeschenk werde ich mich in diesem Jahr wohl noch oft auf den Weg machen. Danke an Kreuzberger Nähte für die Idee!

Die Ziffer 50 habe ich mit Bleistift vorgezeichnet. Wie es dazu kam ist eine längere Geschichte. Da sollten jetzt vielleicht nur Spezialinteressierte weiterlesen. Die anderen können gleich ganz nach unten springen, da liste ich andere Stoffspielereien auf.

Mit meiner angekündigten Schablonenstickerei bin ich leider ziemlich gescheitert. Und zwar habe ich bisher keine geeignete Farbe zum Übertragen gefunden.

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Ursprünglich gehörte zu den Kupferschablonen wohl eine Näpfchen blauer Farbe, das war bei mir aber nicht dabei. Also stupfte ich zunächst eine Mischung aus farbiger Kreide und Wasser auf. Das klappte zwar, nutzte sich beim Sticken aber zu schnell ab. Zweiter Versuch mit Tuschkastenblau: Ging gut, aber wusch sich nach einer und auch nach einer zweiten Maschinenwäsche nicht aus.

Dann entschloss ich mich genervt zu einer Testreihe.  Ergebnis: Tuschkastenfarbe, Aquarellnäpfchen, Lidschatten und Frixion-Stift sind nach einer 30 Grad-Wäsche noch zu sehen. Der Lidschatten aber so minimal, dass er zum Übersticken geeignet wäre. (In der Mitte seht ihr in Weißstickerei das unsichere Monogramm nach Kreidemarkierung und ein – von der Tuschkastenfarbe endgültig gebläutes – gesticktes B)

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Nach der Wäsche spurlos verschwunden sind Bleistiftstriche in Stärke F und 5B und Aquarellstift. Zum Durchstupfen einer Motivschablone sind sie aber nicht nützlich. Zu diesen Fragen gibt es im Hobbyschneiderinnenforum einen ganz interessanten Thread.

Inzwischen hatte ich über Antique Pattern Library noch Monogrammvorlagen gefunden und wollte die gern nutzen. Und zwar am liebsten direkt vom Bildschirm des Tablets.

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Da habe ich dann auch ganz schön herumprobiert. Damit der Bildschirm nicht mehr auf meine Finger reagiert versuchte ich u.a. verschiedene Acryl- und Glasplatten, ging nicht. Um es kurz zu machen: Es gibt Apps, die die Touchfunktion blockieren. Nachdem ich das endlich geklärt hatte, war mein Bildschirm nicht hell genug, um direkt auf den Stoff abzupausen. Also den Umweg über Transparentpapier genommen, dann alles am Fenster (mit Bleistift)  auf den Stoff übertragen. (Der Bügelmusterstift,  hier benutzt, hätte die Sache auch nicht erleichtert).

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Durch dieses zweimalige Abpausen wird alles ungenauer. Und die Deadline für das Hochzeitsgeschenk, das ich mit Monogrammen versehen wollte, war ohnehin schon abgelaufen. Meine Ebayfunde – Serviettenringe mit “Vati”Gravur, passend für ein Männerpaar – bekamen dann Servietten ohne Stickerei.

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Für die Zukunft merke ich mir, dass ich für Vorzeichnungen mit weichem Bleistiften arbeite und bei Schablonen mit angefeuchtetem Puderlidschatten. Die nächste 50er-Rosette bestickte ich dann mit Ziffern von der Kupferschablone. Aufgegeben habe ich noch nicht.

Nun hoffe ich, dass andere mit dem Thema ein bisschen weiter gekommen sind als ich.  Und dass jemand noch Tipps hat, vor allem für die Schablonen?

Eure Blogbeiträge liste ich dann heute abend weiter auf. Meldet euch auch gern in den Kommentaren,  damit ich euch finde.

Karen zeigt gleich mehrere Monogramme, hat noch viele Ideen und spricht auch den historischen Hintergrund an.

Griselda hat sich auf einem Rock genial ausgetobt und zusätzlich auch Geschichten von früher.

Bei Stoffknopf dann auch ein Kupferschablone – schön schlicht umgesetzt.

Und wenn ihr nun noch Fragen offen habt, dann geht ihr zu 123-Nadelei und findet sie alle beantwortet, eine Wissensschatzkiste!

Auf zwei Arten applizierte Mongramme findet ihr bei Siebenschön-Design, und auch noch ein Kreuzstichalphabet, das eine Fleißarbeit war.

 

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Vormerken: Der nächste Termin für die Stoffspielerei ist Sonntag, der 27.  Juli 2014.  Frifris wird ein Thema bestimmen und die Links sammeln.

Rock zu Hosenrock – Velorock – MMM

Kann man aus einem Rock einen Hosenrock machen?

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Ja. Wenn man noch passenden Stoff hat, und der Rock in der Hüfte weit genug ist, um zwei zusätzliche Nähte in der vorderen Mitte und im Rücken zu verkraften.

Einen Hosenrock, den wollte ich schon lange mal wieder. Dann sah ich zum Glück bei Ette diesen Schnitt für einen Velorock.

Beim zweiten Hinschauen fiel mir auf, dass der Schnitt meinem Lutterloh-Rock ziemlich ähnlich war, hier zuerst gezeigt,  MMM 2011 hier und hier als Sommerversion:

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Da ich diesen Rock ohnehin kaum getragen hatte (zu lang, ausladend und unpraktisch) kam mir die Idee, ihn mittels einen Zwischenstückes anhand von Ettes Schnitt  zum Hosenrock zu machen. Stoff hatte ich noch, war ja mal eine Gardine. (Wie bei Ette ein fester leinenartiger Stoff von Ikea).

Ich schnitt den Rock also vorn und hinten auf und nähte die Hoseninnenteile vom Velorock dazwischen.

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Das ging auch gut. Es saß alles.

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Bis mir der Rock dann immer noch zu weit und lang war und ich links und rechts Stoff wegnahm, dann musste ich innen Stoff wegnehmen, dann zog sich alles, Saum schief, usw. In der Zeit wäre es schneller gewesen, den Hosenrockschnitt ganz neu zu nähen, wie es immer so ist.

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Ist schon alles getestet und für gut befunden, vor allem fürs Fahrrad. Heute allerdings kann man das hier in Berlin vergessen, es regnet in Strömen mit dunkelstem Himmel.

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Die richtige Stimmung, um beim MeMadeMittwoch vorbeizuschauen und andere selbstgenähte Kleidung zu bewundern. Hoffe nur, es sind nicht zu viele Sommerkleider in Sonnengärten dabei…

Zum Schluss noch ein “Hosenrock” aus einem dänischen Magazin 1896: Umgedrehte Mode fürs Fahrrad.

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Ravnen 1896, Wikicommons

Kurzgefasst, na ja, nicht ganz

Kopf,  Archiv und Entwurfsordner quellen hier über von textilen Themen, über die ich gern berichten würden. Viel zu viel, um dem in Blogform gerecht zu werden. Also wollte ich mal lernen, mich kurz zu fassen, und meldete mich bei Twitter an. Dort muss man sich ja auf 140 Zeichen beschränken.

Meine Idee war, dass ich dann die Tweets gesammelt auch immer hier einbinde,  für diejenigen, die nur im Blog lesen. Zack und fertig, dachte ich,  aber leider schaffe ich es so kurz und knapp nicht. Die Sorgfalt (oder das Belehrende?) in mir müsste zu allem und jedem etwas erklären, zum Beispiel die Quellen angeben, den Kontext schildern, aus fremden Sprachen übersetzen. Tja, und dann wird es doch wieder aufwendig und vielleicht auch zu schulmeisterlich.  Davon abgesehen gefällt mir der aufdringliche Look der eingebetteten Tweets  nicht, mal sehen.

Statt Funkstille versuchsweise nun erstmal Kurznachrichten von dieser Woche und etwas Zusatzinfo, die in die 140 Zeichen nicht gepasst haben.

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Der folgende Tweet verkündet die Rückgabe der ersten einer ganzen Reihe von seltenen 2000 bis 2500 Jahre alten Paracas-Textilien nach Peru. 2500 Jahre! Das finde ich gigantisch.

Die durch den trockenen und salzigen Wüstensand konservierten Grabbeigaben aus Wolle wurden in mehr als 200 verschiedenen Farbtönen eingefärbt und mithilfe von Kaktusstacheln kunstvoll bestickt.  Das Tuch auf dem Foto ist über und über mit Maschenstich gearbeitet, so dass es optisch wirkt wie gestrickt. (Auch wenn es auf dem Foto eher nach Perlen aussieht).

Mehr dazu in diesem BBC-News Beitrag und auf der Seite des schwedischen Museums, das die Textilien zurückgibt.

Wie sorgsam die empfindlichen Textilien behandelt werden müssen, das lässt sich im Historyblog nachlesen.

Und wie modern manche Muster sind!

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Wäre auch ein sehr interessantes Thema für einen Blogartikel: Die Umstände, unter denen in der DDR Textilien für den Westen hergestellt wurden.

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Ein Lesetipp zu einem ewigen Thema

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Als Nachtrag zu den roten Männersohlen aus dem letzten Blogeintrag hier noch die Antwort auf die Frage, warum der letzte Papst rote Schuhe trug.

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Zum Schluss für alle Gleichgesinnten ein Tipp, wo man in Berlin während eines Deutschlandspiels nur Desinteressierte (sprich: andere nette Frauen) findet:

Rund ums neue Bikini-Berlin. Zuerst gute Basics in endlich mal leeren Umkleidekabinen bei Uniqlo am Tauentzien anprobieren. Dann ohne Probleme einen Platz im gehypten Neni hoch über den Wipfeln des Tiergartens finden und lecker orientalische Kleinigkeiten essen. Danach ein ganzes Kino bester Qualität für sich allein haben, den neuen Zoo-Palast.

Empfohlen von einer, bei der zuhause jedes, aber auch wirklich jedes Spiel von Anfang bis Ende geguckt wird. Und die jetzt nicht mehr in das Café am Waldrand mit dem leckeren Kuchen gehen mag, weil um die halbe Fassade (ungelogen) eine Deutschlandfahne gewickelt ist.  Zum Glück kann ich nähen. Wenn das so weiter geht, werde ich mich mit einem Riesenquilt an der Hauswand rächen, vielleicht ja im Stile der Paracas.

Dann mal viel Spaß allen Fans beim Milchbubigucken, ich mach was anderes. Bis bald!

 

Vorfreude

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Schuhe, Büsten, Kostüme – bereit für die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum

Endlich wird Berlin  auch eine ständige Kostümausstellung haben.   Für November 2014 ist die Neueröffnung des Kunstgewerbemuseums am Kulturforum geplant.  Der Umbau bietet Platz für die Präsentation historischer Mode und Accessoires.  Zur Zeit werden die in den letzten Jahren erworbenen Sammlungen Kamer/Ruf  und Uli Richter katalogisiert,  restauriert und präsentabel gemacht.  120 Figurinen zeigen dann Mode des 18. – 20. Jahrhunderts, dazu gehört eine umfangreiche Schau von Accessoires.

Zum Glück liegt das Kunstgewerbemuseum gleich neben der Gemäldegalerie. Dort gab es am Wochenende  Führungen zum Thema Mode in Dauerschleife.

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Unerschöpflich die Geschichten, wenn man Gemälde anhand der gezeigten Kleidung aufschlüsselt.

Hier zum Beispiel der fiese Kerl in rot-grün, der Jesus am Seil zieht: Er trägt ein teures, gefärbtes und zweifarbig gewebtes Obergewand. Aber seine Beine sind nackt und kaputt, die Mütze ist löchrig. Offenbar ein Bettler, der von einem wohlhabenden Herren mit einem abgelegten Mantel beschenkt wurde.

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Wurzacher Altar , Hans Multscher (um 1400), Gemäldegalerie Berlin, Detail

300 Jahre später zeigt der humanitär engagierte Adel seine gesellschaftliche Stellung über die Schuhe: Rote Absätze und Sohlen sind damals dem männlichen Adel und dem Klerus vorbehalten.

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Regentinnen und Regenten des Heims für alte Männer und Frauen , 1676, Adriaen Backer, Gemäldegalerie Berlin, Detail

2014 denkt man bei roten Sohlen nur noch an Louboutin – und der bekämpft Konkurrenten vor Gericht,  wenn sie “sein” Markenzeichen nachmachen.

Auch in der Gemäldegalerie am letzten Wochenende: Eine sehr inspirierende Modenschau der ESMOD. Da juckte es einem vor Lauter Ideen in den Fingern, sich gleich auf die Nähmaschine zu stürzen. Vor allem fielen uns die skulpturalen Elemente auf.  Asymmetrische Faltungen, plastische Steppungen, grober Zopfstrick. Und viel 90er.

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Meine eigene kleine Modenschau hatte ich dann noch, als eine ältere Dame vorbeischlenderte. Das Bild hänge ich mir mental auf.

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Vorfreude auch darauf, zwanzig Jahre älter zu werden!

Rückblick Mai

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Der Mai begann mit einer Landpartie Berliner Nähnerds durch Sonne, Regen und Rapsfelder.  Der weite Weg ins Modemuseum Meyenburg  hat sich absolut gelohnt.  So viel historische Mode habe ich noch nie an einem Ort versammelt gesehen. Wir hätten weit mehr als einen Tag gebraucht, um  über jedes einzelne Modell aus der Zeit von 1900 bis 1970 fachsimpeln zu können.  Lucy von Nahtzugabe hat hier schon ein bisschen erzählt.  Hoffentlich berichtet sie noch ausführlicher. Sie macht das nämlich so gut, dass man sie dafür bezahlen sollte.

Wie das gehen könnte, damit beschäftigte sich im Mai einer der unzähligen Beiträge auf der Republica, der Konferenz in Berlin für Netzaffine. Wenigstens online war ich ein bisschen dabei.
re:publica 14 - INTO THE WILD

Beim Panel “Lohnt sich Onlinjournalismus überhaupt?” wurde unter anderem das Bezahlsystem Laterpay vorgestellt, das mir sehr vielversprechend erschien. Für einen gut recherchierten Artikel z.B. über ein Modemuseum würde ich nämlich durchaus bezahlen wollen, und da bin ich sicher nicht die einzige.  Wer öfter mal Anfragen erhält, Produkte oder Events in seinem Blog zu besprechen, für den ist der Panel “How do you buy a blogger” vielleicht interessant. Dort lernte ich auch, dass russische Blogs sich neuerdingst staatlich registrieren lassen müssen, wenn sie mehr als 3000 Leser haben.

Ein großer Teil der Vorträge und Diskussionen ist inzwischen hier bei Youtube eingestellt, oder auch auf der Republica-Seite.  Beim Querhören habe ich vieles gleich nach den ersten Minuten weggeklickt:  Zu selbstverständlich die Erkenntnisse oder zu holperig die Vortragsweise.  Wer viel schreibt und viel im Netz ist,  übt nicht unbedingt das freie Reden, klar. Ist vielleicht generell ein Problem: Das Onlinedasein kommt Introvertierten (zu denen ich mich insgeheim auch zähle) entgegen, die Präsentation auf einer Bühne eher nicht. Eine Ausnahme ist u.a. natürlich Sascha Lobo, der in seiner Rede zu Lage der Nation zu recht fragt, wieso es keine wirksame Lobbyarbeit der Internetgemeinde gibt.  Vielleicht wegen der überdurchschnittlich vielen Introvertierten?

Erfreut habe ich gesehen, dass auf der Republica auch das Knopfannähen gelehrt wurde. Zu Beginn des Vortrags “Common Kids Can Code” bearbeiten drei Zuschauerinnen mit einer Lasernadel einen Riesenknopf .

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Im Anschluss wurden auch noch Nähnadeln verteilt. “Vorsicht, das sind echte Nadeln!”

In dem Vortrag ging es aber gar nicht um textiles Werken. Sondern darum, ein Machbarkeitsgefühl zu bekommen und nach dem Knopfannähen dann vielleicht auch mal das Iphone aufzuschrauben.  Was man sich dann wohl erst traut, wenn man ein ganzes Kleid nähen kann? (Am Rande: Einen Vortrag über die bloggenden Selbernäher, wie letztes Jahr mal angedacht, braucht es für mich nicht mehr. Ich sähe da keinen Mehrwert für Außenstehende. Und Frauen waren als Vortragende auf der Republica dieses Jahr gut repräsentiert).

Mehrwert hatte für mich dann u.a. noch der Vortrag Social Media & Recht: Saisonrückblick 2014.  Zum Beispiel hatte ich keine Ahnung, dass für gemeinfrei erklärte Bilder auch nachlizensiert werden können – davon bekommt man dann gar nichts mit.

Jetzt könnte ich weiter berichten, empfehlen und kommentieren, aber das ist aufwändig (würde man doch dafür bezahlt…) und wird hier zu viel.  Außerdem war Crafteln vor Ort und hat schon vor drei Wochen berichtet: Zur republica in Berlin.

Eine Neuerung hat die Republica mir noch gebracht: Ich habe jetzt ein Twitter-Konto. Und zwar wegen der Initiative  @9Nov38, die letztes Jahr die Ereignisse der Reichsprogromnacht twitterte.  Geschichte twittern – wie, was wann?  hat mich überzeugt, dass es auch moderne Formen der Geschichtsvermittlung gibt. Und da habe ich eine Idee, dazu ein anderes Mal mehr.

Zum Abschluss dieses Maiberichts also noch ein Hinweis in twitterfähigen 140 Zeichen:

Im D-Radio Kurzporträt der 78-jährige Berlinerin Ingrid Zoré, Grande Dame des Filmkostüms.

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