Bilder aus Modegazetten des Art déco

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Sonnenschirme, Gazette du Bon Ton 1912

Heute mal wieder ein gemeinfreier Freitag, mit einigen Bilder aus französischen Modemagazinen vom Anfang des letzten Jahrhunderts.

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“Die Kissen”, Modes et Manières d’Aujourd’hui 1912

Ab 1912 wurden in Paris mehrere Luxus-Modemagazine publiziert.  Das bekannteste war die “Gazette du Bon Ton“,  ein anderes “Modes et Manières d’Aujourd’hui“.   Die sehr hochwertig gestalteten und auf edlem Papier gedruckten Magazine richteten sich an die wohlhabende Oberschicht.  Die Illustrationen in den Magazinen stammten von bekannten Art-Déco-Künstlern (hier z.B. George Lepape, George Barbier). Die Magazinmacher erhoben Mode zu einer weiteren Form der Kunst – ein Teil der gezeigten Kleider waren reine von den Illustratoren erdachte Fantasiemodelle.

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Gazette du Bon Ton 1912

Heute sind die Ausgaben gesuchte Sammlerstücke, weil die farbigen Illustrationen  in einem aufwendigen Prozess einzeln handkoloriert wurden. In Werkstätten trugen die “Coloristes”, meist Frauen, auf jeder einzelnen Farbtafel mithilfe von Schablonen viele Farbschichten übereinander auf. “Pochoir” heißt diese Technik. Das Ergebnis waren besonders leuchtende Farben und eine erhabene, strukturierte Oberfläche.

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« Lembarrasduchoix » G. Lepape — Gazette du Bon Ton No. 3, via Wikimedia Commons.

 

Die Auflagen der Magazine  betrugen daher auch nur 300 bis 2000 Stück und die Ausgaben waren entsprechend teuer – im heutigen Gegenwert hätte eine Exemplar mehrere hundert Euro gekostet.

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“Wo bleiben meine Gäste” Gazette du Bon Ton 1913, Wikicommons

Dann brach “La Grande Guerre” aus, der Erste Weltkrieg. Die Edelmagazine mussten sich überlegen, wie sie damit umgehen. Und sie beschlossen zunächst: Wir machen weiter!

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Die Gazette du Bon Ton und der Krieg, 1915

“Jetzt erst recht” war das Motto.

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Den Frontverlauf verfolgen, Gazette du Bon Ton, 1915

Kriegsbedingt wurden die Produktion dann aber doch weitgehend eingestellt.  Nach dem Krieg brachte Modes et Manières d’Aujourd’hui eine Sonderausgabe heraus, in der Gedichte zu Kriegsthemen  illustriert wurden.

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Auch hier wirken die Szenen noch dekorativ – die Texte dazu sind bedrückender.

Der Soldat auf Urlaub spürt schon, dass die Zeit “der alte Geier, mir die Leber ausreißt”.

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Nach Kriegsende ist der Herr wieder im Haus und darf sich zivil kleiden.

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Modes et Manières d’Aujourd’hui 1919

Mir haben es die Bilder, die leuchtenden Farben, die Muster sehr angetan. Ich musste an heutige Zeitschriften wie die Vogue denken – in den Fotostrecken geht es auch nicht darum, Anregungen für Kleidung oder Sonstiges zu bekommen. Es geht allein um schöne Bilder, die vielleicht noch eine poetische Geschichte erzählen.

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« Delapommeauxlevres » G. Barbier — Gazette du Bon Ton, No. 4  via WikiCommons.

Diese Schlangenfrau küsst die Äpfel.

 

Und ihr,  lasst euch nun schön die Füße küssen.

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Gazette du Bon Ton 1912

Wer ganz genau wissen will, wie “Pochoirs” gemacht wurden, kann hier auf französisch nachlesen: Art au Pochoir, 1925.

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Das Schauspiel ist beendet. Gazette du Bon Ton 1912

Quellen: Gazette du Bon Ton 1912-1913 , Gazette du Bon Ton  1914 Teil 2Modes et Manières d’aujourd’hui, 1912 ,    Modes et Manières d’Aujourd’hui 1914-1919.

Nachtrag: In den Kommentaren hat Karen eine weitere Modeillustratorin aus dieser Epoche empfohlen: Mela Köhler von den Wiener Werkstätten. Hier  zwei ihrer Entwürfe. Beim Metmuseum.org findet ihr noch weitere Werke Mela Köhlers.

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Quelle: Metmuseum.org

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Quelle: Metmuseum.org

Kurznachrichten IV

Für Nicht-Twitterer hier wieder eine Auswahl von Tweets, die ich gesendet habe. (Ich hoffe, das klappt technisch. Wenn nicht, bitte Rückmeldung).

Dieses Foto einer Klöppelarbeit aus Italien repräsentiert für mich die große Kunstfertigkeit, die so ein Handwerk erfordert.  Nur wer darüber nichts weiß, spottet über “Klöppeln” oder andere Handarbeiten mit Nadel und Faden als geringwertige Tätigkeit.

Eine Pyramide als visuelle Ermutigung. Von unten nach oben: Benutze, was du hast  –  borge – tausche –  kaufe gebraucht – mach selbst – kaufe neu

 

Dreimal  Textiles rund um den Ersten Weltkrieg.  Trauerkleidung eines sechsjährigen Mädchens in England, eine Zeitungsanzeige, eine Ausstellung in Berlin:

Und noch ein paar Tipps, Ausstellung, Film, Nähhilfe u.a.

Den letzten Lesetipp empfehle ich als Stärkung,  wenn mal wieder in irgendeinem Medium die Position vertreten wird,  Freude an Handarbeiten vertrüge sich nicht mit einem emanzipierten Frausein.  Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass diese Stimmen bald kleinlauter werden.  Daher zum Abschluss hier noch einmal den strickenden Schäfer, der hat schon die Weitsicht.

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Gemeinfreier Freitag, Rätsel gelöst – Die High Heels von 1880

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Letzten Freitag durftet ihr aussuchen, welches der unbekannten Objekte ich recherchieren sollte. Das wattierte Etwas oben hat in der Umfrage knapp gewonnen.

Was ist das also?

Die Abbildung stammt aus der Zeitschrift   Strawbridge & Clothier’s Quarterly , Ausgabe Frühjahr 1882.

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Strawbridge & Clothier war damals eine große Warenhauskette im Nordosten der USA.

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Das unbekannte Objekt ist dort unter der Überschrift “Straighteners” abgebildet.  Im Text dazu heiß es,  ständiges Tragen des Utensils könne den krummen Rücken korrigieren, den junge Mädchen bekommen, wenn sie zu viel mit der Nase in Büchern hängen.  Es sei aus zweilagigem Jean**  gearbeitet und enthalte, so wird versichert, keine Walknochen.

Ja, ihr lagt schon ganz richtig: Das wattierte Etwas ist tatsächlich wohl so eine Art Zwangsjacke.  Die “Straighteners”  waren dazu da, die Schultern der jungen Mädchen nach hinten zu ziehen und ihnen eine aufrechte Haltung beizubringen.

Wie wurden sie angelegt?  Es hat ziemlich gedauert, bis ich das herausgefunden habe. Aber es gibt tatsächlich Abbildungen dazu. (Link=Klick aufs Bild).

Wahrscheinlich wurden sie so getragen wie in dieser kanadische Zeitungsanzeige von 1910:

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Im Katalog der Pariser Grands Magasins du Louvre ist 1909 eine ähnliche Konstruktion zu sehen, ebenfalls für junge Mädchen gedacht. Auf französisch heißen sie  ÉPAULIÈRES.

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Auf deutsch habe ich nur den Ausdruck “Geradehalter” gefunden, von denen es wohl viele verschiedene Varianten gab.  Ein Schnittmuster für einen ähnlichen Geradehalter war der Illustrierten Frauenzeitung von 1883 beigelegt, gedacht für kleine Mädchen.

Vielleicht geben uns diese  Passagen aus dem Tagebuch einer jungen Französin einen Eindruck vom Tragekomfort. Die ca. Vierzehnjährige, die eine schlanke aufrechte Dame werden möchte,  wird von ihrer Mutter Tag und Nacht in verschiedene Arten von Korsetts geschnürt, dazu trägt sie auch Schulterhalter.  (Nachtrag: Wie Lucy kommentiert, könnte dieses Tagebuch auch ein Fake sein. Ich prüfe noch mal nach,  ob es wenigstens gut ausgedacht ist →  Oh je, das scheint ein sehr weites Feld zu sein. Schon damals wurden viele Korsettfantasien als wahr berichtet, da ist es schwer zu wissen, was stimmt. Ein wirres Wikipedia dazu. Ich lass die folgenden Zitate trotzdem zu Dokumentationszwecken mal drin)

22. September, 1883

Ich wünschte, Mutter würde meine Schultergurte wenigstens manchmal lockern, denn ich habe Nacken und Schulterschmerzen davon, dass die Schultern in so einer steifen Position gehalten werden. Ich habe sie schon mehrmals darum gebeten, aber sie versichert mir, es sei in meinem besten Interesse, dass ich aufrecht und gerade wachse… Manchmal sehne ich mich danach, wie früher zu laufen und herumzutollen, aber ich genieße es auch sehr, wie eine Dame behandelt zu werden und von allen akzeptiert zu sein…

5. Januar 1884

Heute war es sehr unangenehm. Mein neues Korsett wird mehr Anpassungen brauchen als ich dachte… Ich war enttäuscht, dass Mutter mich vor dem Frühstück nur auf 17 Inches schnürte, aber bald verstand ich, wie weise das war. Es drückte mir bei jeder Bewegung unbarmherzig in die Rippen und zwang mich zu einer extrem aufrechten Haltung, damit meine Schultergurte mir nicht einschnitten….

(Ich habe diese Zitate aus dem Englischen übersetzt, das französische Original würde mich ja sehr interessieren [edit: wenn es eins gibt und das dann nicht bloß fantasiert ist]. Die Schilderungen klingen schlimm. Das Schnüren wird von den jungen Mädchen einerseits als Freude und Ehre empfunden, andererseits wird es von der Mutter auch als Bestrafung eingesetzt.  → könnte auch alles fiktiv, sogenannte “Korsettliteratur” sein.)

Eine Taille mit 17 Inches, das entspricht einer Taillenweite von 43 cm. Das ist ein bisschen mehr als der Umfang einer CD, wie man gestern abend bei Hirschhausens Quiz des Menschen lernen konnte.  Zum Thema Korsett sagte eine Burlesque-Tänzerin in der Sendung: Heute beim Diktat der Bequemmode sei es fast schon wieder ein feministischer Akt, ein Korsett zu tragen.  Sie sagte außerdem “Ein Korsett tut weh, High Heels tun auch weh”.  Das leuchtet mir ein.  Jedenfalls kann man nicht über geschnürte Frauen in früheren Jahrhunderten den Kopf schütteln, wenn man gleichzeitg mit extrem verbogenen Füßen durch die Welt stöckert. In beiden Fällen lebt man unbequem, fühlt sich dafür aber weiblich und elegant.

 

*   Bei allen Abbildungen gilt: Quelle = Klick aufs Bild

**  Jean, oder auch Jeans, wurden damals Stoffe in Köperbindung genannt, sie waren aus Baumwolle oder BW-Wollgemischen und nicht unbedingt blau gefärbt.

 

Die anderen Bilder vom letzten Freitag habe ich hier verlinkt. Bei Interesse könnt ihr nachschauen, was das war. Aber ihr lagt als Kollektiv schon ziemlich richtig, glaube ich:

Waren-Schaudekoration – Sitzsauna – Spezialknoten – Kätzchenmanie, so in die Richtung. Das war super! Ich hätte nie gedacht, dass ihr den Dingen so nah kommt.

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Allerdings, wenn ich statt des badenden Mannes seinen Kumpel hier ausgesucht hätte, dann hätten mich eure Tipps ja mal interessiert:

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Ein schönes langes Wochenende für euch!  Ich werde meinen krummen Rechercherücken jetzt mal ein bisschen draußen aufrichten, in Turnschuhen. Bis bald…

 

Echt und Falsch XII

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Draußen die Blätter haben mich zu weiteren Blattpaaren inspiriert. Rechts echt, links aus Stoff, Faden und Farbe. (Oder ist es umgekehrt?)

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Die echten Blätter werden im Lauf der Zeit verschrumpeln.  Das Blattpaar vom letzten Jahr

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sieht jetzt so aus:

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Auf Wunsch außerdem noch das gestickte Skizzentuch vom letzten Eintrag in etwas größeren Bildern.

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Ich habe ziemliche Probleme, das Ganze gut zu fotografieren.

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Mir gefiel  das fertige Stück dann am Ende doch. Bloß sind mir solche freien Maschinenstickereien gerade ein bisschen über. Es gibt diese Optik inzwischen so oft – jedenfalls wenn man  zu viel im Netz herumschaut.

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Stoffspielerei im September: Nähfuß für Minimalismus

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Für die Überschrift entschuldige ich mich, diese Woche habe ich sprachmäßig einen Clown geschluckt, oder wie das heißt.

Heute geht es um die Stoffspielerei  im September, für die  Griselda  das Thema “Nähfüße” vorgeschlagen hatte. Zunächst dachte ich, das sieht schlecht aus für mich, weil bei meiner alten Pfaff 260 gar keine Sonderfüße dabei waren. Andererseits besitze ich eine ganze Schachtel mit Nähfüßen anderer Maschinen und sonstige seltsamen Teilen. Außerdem hatte ich in Frankreich eine Anleitung für die alte Pfaff gefunden. Also setzte ich mich hin und probierte mithilfe des Büchleins die Nähfüße durch – einige passten sogar! Ich nahm mir einen Fuß  mit Abstandshalter vor.

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Ich wollte ganz minimalistisch quilten. Weiße Nähte auf schwarzem Grund.

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Abstandshalter falsch herum, im Anleitungsheft oben richtig.

Diesen Metallriegel schraubt man auf der Maschine fest und kann dann parallel zum Rand nähen. Das lohnt sich aber nur, wenn man weit vom Rand weg eine Naht braucht. Ansonsten reicht es eigentlich aus, das Füßchen als Orientierung zu benutzen – ich wäre hier also auch ohne den Abstandhalter ausgekommen.

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Dieser Bügel ist hilfreich, wenn man innerhalb einer Fläche Parallelnähte mit größerem Abstand braucht. Das ist bestimmt auf einerer größeren Fläche zum Quilten sehr gut. Bei meinem kleinen Quadrat und den vielen Nähten wieder nicht so unbedingt notwendig – aber wenigstens habe ich es probiert und weiß jetzt, was ich da habe.

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Das minimalistische Quadrat ist nun ein Topflappen. Danach quiltete ich noch zwei weitere Stücke, die per se schon so krumm und schief waren, dass es auf parallele Nähte  nicht mehr ankam.

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Als Inhalt für die Topflappen habe ich mehrere Lagen  Reste alter Handtücher benutzt. Das gefällt mir ganz gut, ist schön fest im Griff.  Das Rechteck links zeigt einen früheren Stoffmalversuch nach einer Skizze einer Bauhaus-Schülerin, ich weiß leider nicht mehr, welcher.

Erst später viel mir ein, dass ich ja  schon oft einen Sonderfuß benutzt hatte, und zwar den Stopffuß. Mit dem kann man wunderbar Maschinenzeichnen. (Wenn man keinen hat, auch nicht schlimm, dann nimmt man sich einen Stickrahmen und stickt ganz ohne Fuß).

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Mithilfe dieses Stopffußes hatte ich inzwischen auch dieses vor Jahren begonnene Stoff-Skizzenbuch beendet.

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So, nun will ich diesen Beitrag abschicken. Und freue mich auf andere Werke, die Griselda von Machwerke heute freundlicherweise sammelt.

Bei ihr könnt ihr wirklich etwas lernen, und zwar eine Menge Tricks für feine Säume.

Vielen Dank!

Gemeinfreier Freitag mit Umfrage

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Gemeinfrei? Was ist das denn?

Hier seht ihr gemeinfreie Bilder,  d.h. Bilder, die uns quasi allen “gemeinsam” gehören. Bilder, für die kein Urheberrecht mehr besteht.   Wie schon erwähnt, wurden gerade 2,6 Millionen Abbildung aus 500 Jahren Buchgeschichte online gestellt.  Da die Abbildungen automatisiert aus Büchern gezogen wurden, hat man bei den Funden erst einmal keine Ahnung, worum es sich handelt. Ich habe beim Internet Archive Book Images  nach textilen Schlagworten gesucht und ein bisschen gesammelt, was dabei so auftauchte. Oben seht ihr eine kleine Auswahl. Ich weiß selbst nicht, was da jeweils los ist. Ich dachte mir, ich recherchiere mal EINE der Abbildungen, und ihr dürft aussuchen, welche.

Worüber wollt ihr mehr wissen? Ihr könnt eine Woche lang abstimmen, dann gehe ich der Sache nach.

 

Nähen in “Weiberstrafanstalten”

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Anfang des letzten Jahrhunderts erhält der österreichische Journalist Stefan Großmann die Erlaubnis, Strafanstalten zu besichtigen.  Seine Reportagen darüber erregen Aufsehen. 1905 erscheinen sie in einem Buch .  Nachfolgend daraus einige Zitate, die Näh- und Handarbeiten der Häftlinge betreffen.

(Die Fotos habe ich im ehemaligen Gefängnis von Avignon gemacht, bei der schon erwähnten Ausstellung “La Disparition des Lucioles“).

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In einem Kloster in Böhmen:
Die Tür ist offen. Wir treten ein. In einem lichten, weiß getünchten Saale sitzen die weiblichen Sträflinge an langen Tischen. In der Mitte des Saales, auf einer Art Katheder, hat die aufsichtführende Nonne Platz genommen. Die Farbe der Kleider ist wieder eine verschiedene, je nach der »Klasse« der Sträflinge. Blaue Zwilchkleider für Rückfällige, graue für Besserungsfähige. Alle reinlich, nett, wohlgepflegt.

Hier ist der Stickereisaal.  Handstickereien werden hier angefertigt, und auch auf der Maschine wird gestickt. Voll Stolz zeigt mir die Oberin die ausgeführten Arbeiten, hauptsächlich Kirchenstickereien, gestickte Altardecken, Kirchenfahnen, Meßgewänder, Kelchdecken, alle Arten gestickter Paramente. In Gold- und Silberseide, in glutvollen, strahlenden Farben sind die Arbeiten ausgeführt, nach künstlerischen Mustern und Motiven. Aller Prunk und Glanz katholischer Kirchen ersteht plötzlich vor einem, sowie man vor diese zu heiligen Zwecken von unheiligen Händen verfertigten Stickereien tritt.
»Wir arbeiten fast nur auf Bestellung,« erklärt mir die Oberin.
»So? Wer bestellt diese Kirchenstickereien?«
»Die Pfarrämter selbst.«  ….

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Wir verlassen den Saal und gehen wieder über den Korridor. Über einer anderen Tür steht in großen Lettern geschrieben:

» Auf allen deinen Wegen beschützt dich Gott«  …

Durch diese Tür treten wir in die Weißnäherei. Hier arbeiten 18 bis 20 Weiber. Viele haben das Weißnähen hier erst gelernt. Drei Monate Lehrzeit genügen, dann muß der weibliche Sträfling durch seine Arbeiten bereits seinen Befähigungsnachweis erbringen können. Nicht nur für die eigene Anstalt arbeitet hier die Weißnäherei, sondern vor allem wird hier für das Militär gearbeitet, besonders für die Anstalten in Wiener-Neustadt und Mährisch-Weißkirchen. Auch ein Unternehmer läßt hier arbeiten.

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In einem Kloster vor den Toren Wiens:

Der Inspektor öffnet eine Tür: » Der Arbeitssaal der Rückfälligen.«    109 Frauen sitzen hier im Saal, abscheuliche alte Weiber mit verkniffenen, zwinkernden Verbrechervisagen neben jungen, im Ausdruck ernsten, glatten Gesichtern. . . Alle sind mit Handarbeiten beschäftigt, mit Sticken, Spitzenschneiden, Weißnäherei, die Ungeschicktesten oder die Unbeliebtesten mit Haftelsortieren. In jedem Saale sind gewöhnlich zwei Nonnen.

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… Im zweiten Arbeitssaal sitzen Jugendliche und Erstmalige bei ihren Handarbeiten. …

Der Arbeitssaal der Jugendlichen ist mit einem sehr sinnigen Wandschmuck bedacht. Da steht – ich spasse nicht – in großen, weithin sichtbaren Lettern:

» Nichts ist schwerer zu ertragen
als eine Reihe von schönen Tagen.«

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»Während der Arbeit wird immer gebetet,« sagte mir später der Verwalter, »oder es werden heilige Lieder gesungen oder es wird aus heiligen Büchern vorgelesen.«

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Hier noch ein paar Fundstücke, diesmal Männer und Jungen betreffend:

In einzelnen Zellen stehen Handwebstühle, auf welchen Jutestoffe erzeugt werden, in anderen Zellen tritt der Sträfling seine Nähmaschine, manche Zelle ist in die Werkstätte eines Schustergesellen verwandelt, in vielen Zellen werden Papiersäcke geklebt.
Nun kommen wir in den Pavillon der Jugendlichen. Die Jungen sitzen eben in den Arbeitssälen; hier werden Mützen erzeugt. Stillschweigend gehe ich an ihren Bänken vorbei, und jeder sieht mich mit großer Neugier an. Da in der letzten Bank sitzen ein paar besonders unentwickelte, kleine Jungen. Zwölf Jahre alt, würde man nach den glatten Knabengesichtern schließen. …

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In der Schneiderei wird mir eingebleut, alle Monturen, die hier angefertigt werden, sind nur für Feldwebel, Kadetten oder Staatsbahndirektionen. Diese emsig bei der Nähmaschine sitzenden, am Zuschneidetisch stehenden, das Bügeleisen führenden Sträflinge arbeiten nichts, das nicht ärarisch* wäre. »Die Gewerbetreibenden brauchen nicht zu jammern.«

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Soweit die Beobachtungen zu Näharbeiten in den Gefängnissen. Besonders interessiert hat mich der Abschnitt über die Aufträge der Pfarrämter – fragt man sich doch, wer eigentlich all die kostbaren Textilien für Kirchen und Klöster hergestellt hat.  Insgesamt hören sich die Schilderungen in den Zitaten vergleichsweise zivil an – das liegt aber nur daran, dass ich die Auswahl auf Handarbeitstätigkeiten beschränkt habe.  Insgesamt sind Großmanns Beobachtungen in den Strafanstalten erschütternd.  Sein Fazit: “Fangen wir an, uns vor unseren Verbrechern zu schämen!”

Gewissensfrage Klamottenkauf

“Fairer than my daughter” – Eine Mutter-Tochter Challenge

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Unfinished Work – Illustratorin weg zu Whatsapp/Snapchat/WeHeartIt

“Verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre”  – so hieß es gestern bei der Talkrunde “Hart aber Fair – Wie billig darf Kleidung sein” über die Käufer von Kleidung ohne faires Label.

Währenddessen leerten Mutter und Teenagertochter ihre Einkaufstaschen. Sie hatten ihre Herbsteinkäufe bei den großen Bekleidungsketten gerade erfolgreich erledigt, wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Vorangegangen waren:

- das Durchforsten der eingelagerten Wintersachen inklusive der von Verwandten und Freunden weitergereichten Kleidungstüten. Ergebnis: Wintermantel für die inzwischen gewachsene Tochter fehlt, Strumpfhosen fehlen ebenfalls.

- Internetsuche nach fair hergestellter Jugendmode, speziell einem Wintermantel in Größe 156. Am liebsten soll er so aussehen wie ein bestimmter Parka der Marke Zara. Ergebnis:  Nach einstündiger Recherche geben Mutter und Tochter auf. Zu viele Labels, kaum Mäntel, zu wenig für Jugendgrößen, zu uncool, schwierige Rückgabebedingungen.  Generell sind aber zum Beispiel bei Greenality und bei Zündstoff ganz schöne Sachen dabei, mehr Links auch bei Zeit-Online.

- Internetsuche nach Gebrauchtkleidung beim Kleiderkreisel und bei Mamikreisel Der inzwischen hoch favorisierte Look des Parkas von Zara ist passend nicht zu finden. Parkas sind zu groß, zu klein, zu uncool, zu abgenutzt oder gar nicht mal so günstig.

- Terminabstimmung für einen Wintermanteleinkaufstrip nach der Schule. Mutter hat null Lust, sich ins Shoppinggewühl zu mischen. Es muss schnell gehen. Also direktes Ansteuern der Flagshipstores großer Bekleidungsketten, in Berlin am Tauentzien möglich. Rein zu Zara. Sie sehen den Parka, aber leider, es ist ein Jungsparka. Mutter schlägt vor, das Etikett “Zara Boys” rauszutrennen. Tochter lächelt gequält.  Oh, da ist derselbe Parka ja auch für Mädchen. Mutter findet diese Aufteilung lächerlich. Tochter zieht Mädchenparka an, er ist in der Schulterpartie viel schmaler geschnitten, unten weiter, und sieht bedeutend besser aus als der Jungsparka. Mutter kauft Mädchenparka für fünzig Euro.  Für den Preis hätte sie als Selbernäherin noch nicht einmal die Materialien (Schnitt, beschichtete Stoffe, Futter, Wattierung, Kordeln, Borten, Reißverschlüsse, Druckknöpfe) kaufen können. Mutter und Tochter fühlen sich nicht so gut, aber haben eine Wintermantelsorge weniger.

- bei Uniqlo gibt es dann für Mutter und Tochter Strumpfhosen und Leggings, preislich um 10 Euro. Der Laden, eine japanische Mischung aus P&C und H&M, hat wirklich gute Basics. Vor allem übrigens für Männer.

- auf dem Weg zum Bus schaut Mutter noch kurz bei COS rein, ihrem Lieblingsladen. Eigentlich hat sie genug Kleidung, sie will nur mal gucken. Sie fühlt sich in einem 70-Euro-Kleid aus ziemlich besonderem Strickstoff sehr wohl und kauft es.

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Und jetzt?

Jetzt prüfen wir hier mal, wie schlimm sie sind. Wer ist schlimmer, wer fairer, Mutter oder Tochter? COS oder Zara? Beide Kleidungsstücke sind Made in China, mehr weiß ich auch noch nicht.  Und was ist mit Uniqlo, dem Newcomer aus Japan? An der Kasse laufen über Monitore Animationen, die von Hilfsprojekten in den Herstellungsländern berichten.

Wir werden sehen! Stay tuned, schaut mal wieder vorbei.

In der Zwischenzeit könnt ihr ja zum Beispiel hier über Greenpeace Herrn Entwicklungsminister Müller schreiben. Der hat nämlich gestern in der Sendung um Emails gebeten, damit er die Textilwirtschaft für seinen runden Tisch noch ein bisschen unter Druck setzen kann.

Und noch zwei Links: Der Jeans-Check auch von gestern abend, und die Berliner Zeitung zur Talkrunde: “Ab sofort nackt!” 

Kurznachrichten III

Für Nicht-Twitterer hier wieder eine Auswahl von Tweets.  Zum Beispiel den Anblick eines verblüffend modern wirkenden Patchworkcovers von 1718. In Großbritannien gibt es kein Patchwork, das älter datiert ist.

Mittelalterliche Manuskripte, zu Futterstoff recycled oder mit bunter Seide bestickt:

Könnten von Louise Bourgeois sein – 300 Jahre alte Modelle aus Stoff für die Hebammenausbildung:

Der Retronaut sammelt kuriose Bilder aus digitalen Bildarchiven – hier Zukunftsvisionen aus dem Jahr 1910:

Die Kopfhörer! In den Klassen sieht es während des Unterrichts zwar noch nicht so aus, aber sonst schon.

Mit der Flut urheberrechtsfreier Bilder geht jetzt richtig los. Gerade wurden 2,6 Millionen Abbildung online gestellt.  In der Datenbank der Internet Archive Book Images bei Flickr würde ich am liebsten nächtelang herumstöbern. Die Suche nach textilen Themen gerät dort ziemlich beliebig – aber die Zufallsfunde sind umso verblüffender.

Zum Schluss noch aktuelle Nähnachrichten:

Die Great British Sewing Bee wurde nach Frankreich importiert.

Bei Arte kann man sein Upcycling-Projekt hochladen und gewinnen.  Arte empfiehlt Nahtzugabe als Inspirationsquelle.

Musterhefte – Nachtrag Weben

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Ein paar Funde vom Quilttreffen am letzten Sonntag wollte ich euch nicht vorenthalten. Das sind keine Entwürfe für Patchworkdecken – obwohl das eine gute Idee wäre. Das sind Zeichnungen, die angehende Weberinnen in ihren Ausbildungsheften anfertigten.

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Kleine Kästchen, mit Wasserfarben oder Buntstiften detailliert ausgefüllt, zeigen die vielen verschiedenen Webarten. Die unendlichen Möglichkeiten, Kett- und Schussfäden zu verbinden.

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Kleine Stoffproben daneben geben einen Eindruck vom fertigen Produkt.

Ein paar Seiten mit Rastern und Querschnitten von komplizierten Stoffen zeige ich hier – klickt aufs Bild für Einzelheiten.

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Falten- und Plisségewebe

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Doppel-Piqué

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Samt und Plüsch in Doppelware

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Aufgeschnitten: Zwei Lagen Plüsch

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Schlingengewebe. Frottierstoffe.

Stoffe mit kontrastierender Vorder- und Rückseite

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Hohlware mit Steppkette

Schlauchgewebe ohne Naht  (passt zum Beitrag “Das letzte Hemd” – Jesu nahtloses Gewand).

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Ich finde die Seiten ja nicht nur technisch und historisch von Interesse – ich finde sie auch einfach nur schön anzusehen. Außerdem hilft das Anfassen und Anschauen von Proben. Hätte ich ein Buch, in dem alle Stoffarten eingeklebt sind, könnte ich mir endlich unter all den Stoffbezeichnungen etwas vorstellen.

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Flachs, Lein, Hanf, Jute

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Noch ein weiterer Nachtrag zum Thema Weben: Der Illustrator Christoph Niemann hat Berlingeschichte aus Papierstreifen gewebt.

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Oben links ein Sprung über die Mauer, oben rechts der Mauerfall, siehe Tagesspiegel

Aber auch ansonsten scheint er textilaffin