Hosen an der Heimatfront: Frauenbeinkleider 1914-1918

Fensterputzerinnen in Berlin um 1917

Frauen tragen in der Öffentlichkeit Hosen – das wäre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs eigentlich ein Skandal gewesen. Hosen an Frauenbeinen gelten damals als unschicklich, ja unsittlich. Dann aber ziehen die Männer 1914 (nur scheinbar euphorisch) in den Krieg. Weil die Arbeit zuhause weitergehen muss, übernehmen die Frauen die Posten der Männer – und auch ihre Kleidung.  So wie die beiden Fensterputzerinnen in Berlin um 1917, deren Auftritt in den “unsittlichen” Hosen aber doch wohl noch ein ein ziemliches Aufsehen erregt.

Dabei sind die beiden damals nicht die einzigen Hosenträgerinnen im Straßenbild, wie ein kurzer Film von 1917 zeigt.  Die Szenen verbreiten ganz gute Laune, denn die Frauen wirken selbstbewusst und genießen ihre Freiheit sichtlich.

laterneScreenshot, Landesfilmsammlung BW

Wie ich bei einem Vortrag im Rahmen der Ausstellung “Krieg und Kleider” beim Kulturforum gelernt habe, waren in Deutschland schon vor dem Ersten Weltkrieg 8 Millionen Frauen erwerbstätig. Der Krieg brachte da keinen neuen Durchbruch, aber er verstärkte den Eintritt der Frauen in die Berufswelt.  Die Frage, was Frauen in Männerberufen tragen sollten, wurde je nach Tätigkeit gelöst.

Diese Mitarbeiterin der Straßenbahn sieht so aus, als ob sie noch im abgelegten Mantel ihres Vorgängers steckt.

Im schlichten Kostüm ist diese Berliner Straßenbahnfahrerin uniformiert. Einig war man sich, dass jegliche Art schmückendes Beiwerk zu unterlassen sei. Das diente Sicherheitsaspekten, sollte der Frau aber auch ein neutrales Erscheinungsbild geben.

Briefträger, Postkutscher, Telegrammbote, Nachtwächter – solche Tätigkeiten übten die Frauen weiterhin in langen Röcken aus.

Auf dieser Postkarte mit fröhlicher Durchhalteparole ist lediglich die Frau mit der Leiter ganz rechts in Hosen zu sehen.

Fotos von Fabrikarbeiterinnen zeigen meist Frauen in Kleidern und Kitteln. Ungefähr so wie bei diesem Plakat  “Deutsche Frauen, arbeitet im Heimatheer!” von 1917, das für die Rüstungsindustrie wirbt. Dort schiebt die Frau dem Mann eine Handgranate zu.

Ging es um schwere körperliche Arbeit, so wurde der Rock aber möglichst mit der Hose vertauscht. Gerade bei den Zehntausenden Frauen, die im Ruhrgebiet in der Schwerindustrie an der sogenannten Heimatfront arbeiteten, gehörten Arbeitshosen und kurzer Kittel zur Ausstattung. Die Frauenhosen hatten hinten eine geknöpfte Gesäßklappe, wie ich ebenfalls auf dem Vortrag gelernt habe. So war ein Toilettengang bei minimaler Entblößung möglich.

Jenseits der Front sah es in den am Krieg beteiligten Ländern nicht anders aus. Die Frauen machten die Arbeit der Männer, wenn nötig auch in Hosen.

Belgierinnen im Kohleabbau

In der Öffentlichkeit wollten sie so aber eher nicht gesehen werden. Es gab daher auch Vorschläge für Verwandlungsmodelle, also Röcke, die man in Hosen umknöpfen konnte oder Hosen, die wie Röcke aussahen. Der Arbeitsanzug auf diesem amerikanischen Plakat war eine Art Pumphose im Rock-Look, genannt “trouserette” oder auch “womanall”.

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Oft wäre schon aus Sicherheitsaspekten eine Hose sicher besser gewesen. Diese mit Tischlerarbeiten und Zimmerei beschäftigten Frauen blieben aber lieber im Rock und Kleid. Gut zu sehen ist, dass sich die Rocklängen zugunsten besserer Bewegungsfreiheit verkürzt haben.

Erweiterung einer Holzwerkstatt der Briten an der Westfront in Frankreich ca. 1918

Von Großbritannien aus waren 57.000 Frauen in Hilfscorps für das Militär aktiv. Sie erledigten nicht-kämpfende Aufgaben im Bereich Verpflegung und Versorgung. Eine ganze Fotoserie zeigt britische Frauen in Hilfscorps an der Front. Diese Fahrerinnen laufen zu ihren Krankenwagen, weil ein Zug  mit Verwundeten ankommt:

When a train is signalled they all rush off to their ambulances
Wahrscheinlich waren diese Röcke mithilfe von Knöpfen in eine Art Hose zu verwandeln. Es könnte sein, dass die Helferin auf diesem Foto gerade die Druckknöpfe (die waren zum Glück schon erfunden) an ihrer Rock-Hose schließt:

Kurios: Auf einem anderen Foto tragen einige der Krankenwagenfahrerinnen dicke Pelzmäntel. Viele Frauen der Oberschicht hatten sich freiwillig zum Hilfseinsatz an der Front gemeldet. Diese fünf  Fahrerinnen nahmen aus der Heimat offenbar ihre  Mäntel mit:

Westfront ca. 1918. Krankenwagenfahrerinnen einer britischen Hilfsorganisation.

Andere Engländerin arbeiteten für die Truppenversorgung in der Landwirtschaft (hier: Heu für die Soldatenpferde). Sie tragen, soweit ich sehen kann, alle Hosen.

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(Am Rande: Ich wusste nicht, dass der Trenchcoat nach den englischen Militärmänteln im Ersten Weltkrieg benannt ist. Trench = Schützengraben.)

Wer zum Thema Heimatfront und Hosen noch etwas hören möchte: Hier ein  Radiobeitrag beim MDR. Allgemein zu Frauen im Ersten Weltkrieg ein Stück beim BR. Inzwischen gibt es auch ein Buch zum Thema. Man kann die These diskutieren, ob der Erste Weltkrieg wirklich ein Motor für die Gleichberechtigung war.  Abgesehen davon haben sich die Hosen als selbstverständliche Alltagskleidung für Frauen erst Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre durchgesetzt. Aber die Modehistorikerinnen sind sich einig: Der Erste Weltkrieg war der erste Schritt hin zu einer Akzeptanz der Hose als Unisex-Kleidungsstück.

Die Gruppenfotos der Frauen oben wirken ja ein bisschen so, als ob alles ganz vergnüglich war. Das war es nicht, wie man weiß.  Zur Erinnerung daran hier  noch ein Foto von zwei Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes, die Prothesen anfertigen.

Und  ein Bild von Ersatz-Verbandsmaterial aus Torfmoos, Vorhangstreifen, Unterröcken und anderen Baumwollstoffresten. Es gabe einfach keinen Nachschub mehr für die vielen Verwundeten.

Science Museum, Copyrighted work licence CC BY 4.0

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag habe ich so viele Bilder von Verbänden, Krankenbetten und Schwesteruniformen gesehen! Die medizinischen Versorgung  im Ersten Weltkrieg wäre noch ein Kapitel Frauengeschichte, das man anhand von Textilien erzählen könnte. Gerade bin ich bei der App “Lost Generation” die Diakonisse Marie und pflege Verwundete im Lazarett. Ziemlich gute App für Jugendliche von heute, die sich die Daten 1914 – 1918 vielleicht allenfalls für die Schule gemerkt haben.
Wie immer freue ich  mich über eure Zusatzinformationen und Gedanken. Letztes Mal waren all die Hinweise und Stimmen ja wirklich sehr hilfreich, Danke!

 

 

 

Textile Codes des Dritten Reichs

Beim Anblick bestimmter Farben, Formen und  Zusammenstellungen an die Nazizeit zu denken oder nicht – das scheint eine Altersfrage zu sein. In letzter Zeit häufen sich die Fälle, in denen Firmen und Institutionen offenbar unbeabsichtigt ungute Assoziationen hervorrufen.

1. Fall

Dieses Foto von den Vorbereitungen zum Mauerfalljubiläum muss ich zeigen, obwohl die Sparkasse in Berlin super reagiert und die Fahne sofort wieder abgenommen hat.

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In den Kommentaren zu der Dekopanne taucht auch  die (ernstgemeinte) Frage auf: “Wieso, was habt ihr denn? Verstehe nicht. Wo ist das Problem?”

Allen, die es nicht wissen: Eine lang herabhängende rote Fahne mit eine weißen Kreis erinnert sofort an die Naziparaden vor dem Brandenburger Tor.

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2. Fall

Das ZDF-Morgenmagazin berichtet am 28. Oktober über die Hooligan-Krawalle in Köln. Offenbar stören sich Zuschauer am braunen Hemd des Moderators. Das ZDF-Morgenmagazin entschuldig sich bei Facebook und Twitter für die Farbe des Hemdes. Daraufhin bricht ein Entrüstungssturm los, weil sich das ZDF für so eine Lappalie überhaupt entschuldigt. Niemand versteht, was das soll. Lächerlich, Kinderkram, darf jetzt niemand mehr braun tragen… Auch Stern und Focus machen sich in Glossen über die Entschuldigung des Morgenmagazins lustig.

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Beim Anblick des Moderators ist mir sofort klar, woran  manche Zuschauer sich da wohl gestoßen haben. Bin ich die einzige, die das erkennt?  Ich habe nicht alle der hunderte Kommentare auf Twitter und Facebook und sonstwo gelesen, aber den Grund für das Unwohlsein scheint keiner zu vestehen. Das Morgenmagazin im übrigen wohl auch nicht:

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Ein olivgründes Hemd hätte natürlich dieselbe ungute Assoziation hervorgerufen, und zwar diese:

WikiCommons

Es ist nicht das Hemd, das stören kann, es ist das Hemd in Kombination mit der langen schwarzen Krawatte. Und in Kombination mit den rechten Krawallen. Ich störe mich nicht an dem Look des Moderators. Ich verstehe aber, dass es Menschen gibt, die beim Anblick eines olivbraunen Hemdes mit schwarzer Krawatte schwer schlucken müssen.

3. Fall

Schockierender war dieses Hemd der Modekette Zara, über das ich hier schon berichtet habe.

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Für alle, denen zu dem Foto vom Zara-T-Shirt nichts einfällt,  füge ich zwei historischen Bilder an.

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Kleidung Konzentrationslager Sachsenhausen, WikiCommons

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Kleidung Konzentrationslager Auschwitz, WikiCommons

Hier bei der Jewish News findet ihr noch eine bessere bildliche Gegenüberstellung.  Im Zuge des Aufruhrs um das Zara-Shirt wurde auch der Verdacht geäußert, der Konzern habe dieses Design absichtlich gewählt. Ein kalkulierter Skandal, um in die Schlagzeilen zu kommen? Ich glaube das nicht. Ich glaube tatsächlich, dass in der Designabteilung einfach niemand mehr diese mit der Nazizeit verbundenen Codes sieht.

Ich frage mich allerdings, warum ich diese Zeichen noch erkenne, obwohl ich zur Enkelgeneration gehöre. Auch meine Eltern haben die Zeit des Nationalsozialismus gar nicht mehr bewusst miterlebt, sie sind erst zu Beginn des Kriegs geboren. Wieso habe ich dieses visuelle Gedächtnis, die nachfolgende Generation aber nicht? Auch bei mir kann das Wissen ja nur aus Filmen, Büchern, Museen und dem Geschichtsunterricht kommen. Die mögliche Erklärung ist, dass das Thema in meiner Jugend eben doch viel präsenter war. Die Zeit war erst halb so weit weg.  Und ich bin zum großen Teil von Lehrern der 68er Generation unterrichtet worden, da zog sich die Aufarbeitung des Dritten Reichs wie ein roter Faden durch die Schulfächer.

Mir ist klar, dass die Zielgruppe für solche “visuellen Übersetzungen”  nicht unbedingt hier mitliest, aber vielleicht ist die Gegenüberstellung der Bilder ja doch jemandem nützlich. Vor einiger Zeit hätte ich noch davor zurückgeschreckt, Hakenkreuze (noch dazu im selben Beitrag mit gelben Sternen) zu zeigen. Aber die Vorfälle zeigen mir, dass ganz andere Zeiten kommen. Aufklärung ist wichtiger als Zurückhaltung. Wird fortgeführt – ich nehme auch gern Anregungen entgegen.

Vielleicht haben ja Marketing- und Designabteilungen bald einen Rat der Erinnerungsweisen, die solche irritierenden Signale noch entdecken können. Geschäftsidee: Beratungsagentur “Visuelles Geschichtswissen”.  Oder vielleicht entwickelt ja jemand eine Bilderkennungsapp “kulturelle Codes”?  Andererseits erledigen sich solche Differenzen auch durch Zeitablauf.  In meiner Jugend waren zum Beispiel Ältere noch von Lasershows am Nachthimmel verstört – es erinnerte sie an Flakscheinwerfer.  Heute dürfte diese Assoziation selten sein.

P.S.  Für die ganz Jungen ist das hier auch nur ein grün-weißes Auto.

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Nachtrag: In den Kommentaren weist Jana noch auf einen weiteren Fall hin. Mango verkauft eine Bluse mit Blitzmuster/Runen-S  und dem Slogan “Ich möchte den total Look”

Noch ein Hinweis, von Frifris: Davidstern mit Totenkopf, hat H&M sofort wieder aus den Geschäften genommen, “Leider waren unsere Kontrollroutinen diesmal nicht ausreichend”.

Und ergänzend:

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Kurznachrichten V

1.

Der nächste Termin für die Stoffspielerei ist Sonntag, der 30. November. Die Beiträge sammle ich dann hier bei mir. Mein Themenvorschlag kommt von Google. Ich hoffe, dass diese Suchanfrage euch inspiriert:

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Ihr könnte euch gern eine der Aussagen als Motto nehmen und loslegen. Werdet von mir aus schlank, aber bitte nicht blind!

2.

Inzwischen war ich in der Ausstellung mit Modegrafiken zur Zeit des Ersten Weltkriegs “Krieg und Kleider” in der Kunstbibliothek hier Berlin.

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“Berlin, Wien, Paris” heißen die drei Bereiche im Ausstellungsraum der Kunstbibliothek beim Kulturforum.  Ausgestellt werden Fotos,  Zeichnungen und Magazinseiten aus den drei Modemetropolen. Im französischen Teil gibt es einige der Grafiken, die ich hier gezeigt habe, im Original zu sehen, da habe ich mich natürlich gefreut.

Bis zum 18. Januar läuft die Ausstellung noch. Einen Berichte dazu könnt ihr bei der FAZ und auch bei Fräulein Julia lesen.  Ihr braucht nicht extra dafür anzureisen, aber wenn ihr sowieso beim Kulturforum seid: Nicht verpassen! Der Katalog zur Ausstellung sah auch sehr gut aus.

3.

Wieder eine Auswahl von textilen Tweets. Mehr noch bei twitter.com/Suschna

 

Stoffspielerei im Oktober: Irische Häkelei

Karen hat im Oktober das Motto “Loch und Löcher” für die Aktion Stoffspielerei ausgegeben.  Zur Illustration hat sie ein Foto von einer Spitzendecke gezeigt, die sehr nach irischer Häkelei aussieht. Da lag es für mich nahe, mich noch einmal mit dieser speziellen Häkeltechnik zu beschäftigen.

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Im Anleitungsbuch “Priscilla Irish Crochet Book No 2”  von 1912 habe ich mir diese Knöpfe herausgesucht und sie – sehr frei – nachgehäkelt.

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Mit viel stärkerem Garn als im Original. Zum Üben der Bouillonmaschen (die gewickelten Elemente) war das auch notwendig, mehr als acht Umschläge habe ich mir noch nicht zugetraut.

In dem Buch habe ich nicht nur die Knöpfe gefunden, sondern auch das Muster für Karens Foto – genannt “Wheels”, Räder.

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Viele Räder zusammgehhäkelt würden die Decke bei Karen ergeben.

Die irischen Spitzenhäkelei, “Irish Crochet”, hat mich schon lange interessiert, weil die Stücke oft unsymmetrisch und wild, offenbar improvisiert zusammengestellt sind.

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Die traditionelle irische Häkelspitze wird meist mit drei verschiedenen Fadenstärken gearbeitet. Ornamente und Motive wie Blüten und Blätter werden zunächst einzeln gehäkelt, teilweise über einen stärkeren Faden, so dass eine reliefartige Oberfläche entsteht. Später werden diese Einzelteile dann mittels einen sehr feinen Häkelnetzes verbunden, das Ergebnis erinnert optisch an Klöppel- oder Nadelspitze.

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Priscilla Irish Crochet Book No 1, Antique Pattern Library

Vor längerer Zeit schon einmal habe ich verschiedene Figuren probiert und dabei dieses Buch als Vorlage genommen. Über einzelne Ornamente und Bortenproben bin ich dabei nicht hinausgekommen, habe die Stücke aber wenigstens zur Ansicht auf Papierbögen genäht.

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Wie fein die Häkelei sein konnte. zeigen diese Details irischer Spitze von ca. 1850 aus der Sammlung des Metropolitan Museums:

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Mit sehr feinen Fäden gehäkelt, sollten diese Arbeiten die kostbaren Nadel- oder Klöppelspitzen imitieren.  Die Häkelei ging schneller voran als die Arbeit mit Nadeln und Klöppeln, so dass die irische Spitze  günstiger angeboten werden konnte.

Diese  Häkelspitzen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die irische Bevölkerung, die unter Armut und Hungersnöten litt. Mit lediglich einer Häkelnadel und Garn ließen sich die Arbeiten überall, vor allem auch in Heimarbeit ausführen, so dass viele Tausende das Handwerk erlernten und durch die Herstellung und den Verkauf der Spitze zum Einkommen der Familie beitragen konnten.  Die irischen Häkelspitzen wurden in andere Länder exportiert und waren vor allem in Paris, Wien und den USA sehr beliebt. So beliebt, dass man sie in anderen Ländern bald kopierte. 1911 beklagt sich eine irische Firma in einer Anzeige über die billigen Kopien außerhalb Irlands. Ein Yard (90 cm) eines Spitzengewebes sei bei ihnen für 32,50 $ im Angebot. Für die Herstellung dieses Yards brauche es 3 Wochen Arbeit, 8 Stunden täglich.

Diese beiden 1912 in New York fotografierten Mädchen arbeiten gerade an irischer Spitze, für einen Dollar in der Woche:

“Katie, 13 Jahre alt, und Angeline, 11 Jahre alt, machen Ärmelbesätze, Irische Spitze, Einkommen etwa 1 Dollar die Woche. Arbeiten einige Abende bis 8 Uhr. New York City”  1912  Quelle WikiCommons

Mit solcher Handarbeit konnten Familien aber nur noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Geld verdienen. Das Aufkommen industriell hergestellter Spitze und der sich ändernde Modegeschmack ließen die Einkommensquelle bald versiegen. Heute ist irische Häkelspitze ein feststehender Begriff. Die Einflüsse dieser Technik wirken auch heute noch vor allem in der Handarbeitstradition  Italiens, Osteuropas und Russlands  fort.

Danke, Karen, für das Thema, dass mir eine Steilvorlage für einen weiteren Ausflug in die Geschichte der Handarbeiten geliefert hat. Danke auch für das Sammeln weiterer Links. Mal sehen zu welchen Ergebnissen das Thema Löcher noch geführt hat!  Drüben bei Karen läßt sich das herausfinden.

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Der heißbegehrte Teppich von Bayeux

Der Teppich von Bayeux. Unesco-Welterbe. Ein sagenumwobener Mittelaltercomic, 70 Meter lang, mit Wolle auf Leinen gestickt.

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Normandie, Frankreich,  im August 2014.  Besuch im Musee de la Tapisserie de Bayeux:

Die deutsche Stimme in meinem Audiguide spricht ohne Punkt und Komma, rast durch den Text. Wir Urlauber müssen uns in einer hastigen Prozession im Dunkeln an einer langen Glasvitrine entlang schieben. Der Herr an meinem Ohr soll mir die gestickten Szenen erklären, aber das Gerät lässt sich nicht stoppen. Er ist schon bei “Wilhelms Leute schlagen Bäume, um die Schiffe für die Invasion der Normannen in England vorzubereiten”, während ich noch drei Meter davor zwischen sonnenverbrannten Touristen in Strandkleidung stecke.

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Bäume für die Schiffe werden geschlagen. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild)

Ich verabschiede mich von der lang gehegten Hoffnung, tausend Jahre alte Stickstiche, Wolle und Leinen genau betrachten zu können. Ich gebe den Plan auf, die vielen kleinen Details in der langen Bildergeschichte entdecken zu können. Einer sehr lebendigen Bildergeschichte die davon erzählt, wie Wilhelm der Eroberer von seinem Schwager um Englands Krone betrogen wird. Wie er deshalb von Frankreich nach England übersetzt und sich den Königstitel in einem blutigen Kampf sichert.

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Landung in England. Die Normannen reiten nach Hastings, um Proviant zu besorgen. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild)

Es ist es ein Wunder, dass es dieses Werk unbekannter mittelalterlicher Zeichen- und Stickkünstler überhaupt noch gibt. Ob der Teppich in Frankreich oder England hergestellt wurde, von wem er wozu in Auftrag gegeben wurde, dazu gibt es nur Vermutungen. Und in den vielen hundert Jahren seit seiner Entstehung hätte er unzählige Male verloren gehen oder zerstört werden können. Nicht nur Napoleon und Hitler hatten ihr Auge darauf geworfen. Nur durch immer wieder glückliche Umstände ist er noch erhalten.

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Grillfest vor der Schlacht: Hühnchen am Spieß, die Soldaten essen auf ihren Schildern. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild.)

Ich werde sehr wütend. Wir sind erst über 1000 Kilometer gefahren, habe ein Hotel in der Nähe gesucht, einen Parkplatz gefunden, 25 Euro Eintritt für die Familie gezahlt, eine Stunde in der Schlange gewartet – und nun müssen wir bloß schnell schnell an dem siebzig Meter langen Leinenbanner entlanglaufen, damit die Bayeuxbesucher hinter uns auch bald dran kommen.

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Die Schlacht ist in vollem Gange. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild)

Der Teppich von Bayeux, das ist ganz offensichtlich eine der Touristenattraktionen, die es gilt abzuhaken. So wie das Selfie vor der Mona Lisa. Nur dass wir hier überhaupt nicht fotografieren dürfen. Wir sollen lieber ein paar Postkarten kaufen.

Am Ende pfeffere ich den Audioguide in die Holztruhe, bei der schon die gelangweilten Betreuerinnen der Massenabfertigung mit ihrem Desinfektonsspray warten. Im Museumsshop könnte ich hässliche Industriewebereien mit Motiven des Teppichs erwerben, Tassen oder eine Handvoll Postkarten, die natürlich nicht im geringsten die Details zeigen, die mich interessieren.

Zum Glück gibt es auf einer zweiten Ebene des Museumsgebäudes noch eine Vitrine zu den verwendeten Materialen und den Stickstichen. Ein Film bietet außerdem die Gelegenheit, wirklich etwas über die Geschichte des Teppichs zu erfahren und Details erklärt zu bekommen.
Im Kinosaal ist es leer. Diejenigen, die bloß ein Touristenhighlight abhaken wollten, sind längst am Strand.

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Der Verräter Harald fällt. Im unteren Bereich die Plünderung der Gefallenen – die Rüstungen werden abgezogen. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild.)

 

Nachtrag sechs Wochen später:
Wir können uns wirklich glücklich schätzen, den Teppich überhaupt noch sehen zu können.  Wer sich dafür interessiert: Dieses Buch von Carola Hicks über die Geschichte des Teppichs liest sich spannend wie ein Krimi.

Die technischen Details habe ich natürlich auch genau studiert, wenn auch eben leider nicht ausreichend am Original. Vor allem die Füllstiche hatten mich gewundert, sie sahen fast aus wie gewebt. Im Prinzip sind das lange Stiche nebeneinander, die dann quer fixiert werden, diese Querstiche werden wiederum mit kleinen Stichen gesichert. Auf der Rückseite erscheint bei dieser Technik, die aus der Goldstickerei kommt, nur sehr wenig Material.

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Die Flächen sind mit dem “Bayeuxstich” gefüllt. Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild.

Die Wollfäden wurden mit den Pflanzenfarben Resede (gelb), Waid (blau) und Krapp (rot) gefärbt, und zwar so sorgfältig, dass die mittelalterlichen Farben heute weniger ausgeblichen sind als die synthetischen Farben, die im 19. Jahrhundert bei Reparaturen verwendet wurden.  Das alltägliche Material, Leinen und Wolle statt Gold und Silber, hat die Stickerei über die Jahrhunderte auch vor Plünderung bewahrt.

Der technische Aspekt des Teppichs hat mich so interessiert, dass ich Wochen nach dem Besuch in Berlin einen Färbeworkshop mitgemacht habe, in dem wir auch mit Indigo (ähnlich dem Waid) und Krapp gefärbt haben. Gestickt habe ich auch noch.  Dazu dann hoffentlich ein anderes Mal mehr.

Als Fazit freue ich mich darüber, dass das Stickwerk noch existiert und  der Allgemeinheit zugänglich ist. Auch wenn der Andrang dann die Zugeständnisse erfordert, über die ich mich geärgert habe. Ein Traum wären natürlich Extratermine für die WIRKLICH Interessierten – aber wie ließe sich das umsetzen. Eingangstests? Referenzen hätte ich ja nicht groß vorzuweisen gehabt. Am Ende fahre ich vielleicht noch nach Reading in England, wo es eine orignalgetreue Replik des Teppichs gibt.  Die Höhlenmalereien der Grotten in Lascaux gibt es inzwischen ja auch doppelt.  Einmal “in echt” für Fachleute und einmal als Kopie für Touristen.

Sicher hätte man jetzt Ende Oktober in Bayeux auch mehr Chancen, den Teppich in Ruhe anzusehen. Vielleicht war ja noch jemand da und kann berichten?

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Bilder aus Modegazetten des Art déco

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Sonnenschirme, Gazette du Bon Ton 1912

Heute wieder ein gemeinfreier Freitag, mit einigen Bilder aus französischen Modemagazinen vom Anfang des letzten Jahrhunderts.

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“Die Kissen”, Modes et Manières d’Aujourd’hui 1912

Ab 1912 wurden in Paris mehrere Luxus-Modemagazine publiziert.  Das bekannteste war die “Gazette du Bon Ton“,  ein anderes “Modes et Manières d’Aujourd’hui“.   Die sehr hochwertig gestalteten und auf edlem Papier gedruckten Magazine richteten sich an die wohlhabende und kunstinteressierte Oberschicht.  Die Illustrationen in den Magazinen stammten von bekannten Art-Déco-Künstlern (hier z.B. George Lepape, George Barbier). Die Magazinmacher erhoben Mode zu einer weiteren Form der Kunst – ein Teil der gezeigten Kleider waren reine von den Illustratoren erdachte Fantasiemodelle.

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Gazette du Bon Ton 1912

Heute sind die Ausgaben gesuchte Sammlerstücke, weil die farbigen Illustrationen  in einem aufwendigen Prozess einzeln handkoloriert wurden. In Werkstätten trugen die “Coloristes”, meist Frauen, auf jeder einzelnen Farbtafel mithilfe von Schablonen viele Farbschichten übereinander auf. “Pochoir” heißt diese Technik. Das Ergebnis waren besonders leuchtende Farben und eine erhabene, strukturierte Oberfläche.

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« Die Qual der Wahl » G. Lepape — Gazette du Bon Ton,  WikiCommons.

 

Die Auflagen der Magazine  betrugen daher auch nur 300 bis 2000 Stück und die Ausgaben waren entsprechend teuer – im heutigen Gegenwert hätte eine Exemplar mehrere hundert Euro gekostet.

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“Wo bleiben meine Gäste” Gazette du Bon Ton 1913, Wikicommons

Dann brach “La Grande Guerre” aus, der Erste Weltkrieg. Die Edelmagazine mussten sich überlegen, wie sie damit umgehen. Und sie beschlossen zunächst: Wir machen weiter!

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Die Gazette du Bon Ton und der Krieg, 1915

“Jetzt erst recht” war das Motto.

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Den Frontverlauf verfolgen, Gazette du Bon Ton, 1915

Kriegsbedingt wurden die Produktion dann aber doch weitgehend eingestellt.  Nach dem Krieg brachte Modes et Manières d’Aujourd’hui eine Sonderausgabe heraus, in der Gedichte zu Kriegsthemen  illustriert wurden.

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Auch hier wirken die Szenen noch dekorativ – die Texte dazu sind bedrückender.

Der Soldat auf Urlaub spürt schon, dass die Zeit “der alte Geier, mir die Leber ausreißt”.

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Nach Kriegsende ist der Herr wieder im Haus und darf sich zivil kleiden.

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Modes et Manières d’Aujourd’hui 1919

Mir haben es die Bilder, die leuchtenden Farben, die Muster sehr angetan. Ich musste an heutige Zeitschriften wie die Vogue denken – in den Fotostrecken geht es auch nicht darum, Anregungen für Kleidung oder Sonstiges zu bekommen. Es geht allein um schöne Bilder, die vielleicht noch eine poetische Geschichte erzählen.

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« Delapommeauxlevres » G. Barbier — Gazette du Bon Ton, WikiCommons.

Diese Schlangenfrau küsst die Äpfel.

Und ihr,  lasst euch nun schön die Füße küssen.

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Gazette du Bon Ton 1912

Wer ganz genau wissen will, wie “Pochoirs” gemacht wurden, kann hier auf französisch nachlesen: Art au Pochoir, 1925.

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Das Schauspiel ist beendet. Gazette du Bon Ton 1912

Quellen: Gazette du Bon Ton 1912-1913 , Gazette du Bon Ton  1914 Teil 2Modes et Manières d’aujourd’hui, 1912 ,    Modes et Manières d’Aujourd’hui 1914-1919.

Nachtrag: In den Kommentaren hat Karen eine weitere Modeillustratorin aus dieser Epoche empfohlen: Mela Köhler von den Wiener Werkstätten. Hier  zwei ihrer Entwürfe. Beim Metmuseum.org findet ihr noch weitere Werke Mela Köhlers.

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Quelle: Metmuseum.org

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Quelle: Metmuseum.org

Kurznachrichten IV

Für Nicht-Twitterer hier wieder eine Auswahl von Tweets, die ich (weiter)gesendet habe. (Ich hoffe, das klappt technisch. Wenn nicht, bitte Rückmeldung).

Dieses Foto einer Klöppelarbeit aus Italien repräsentiert für mich die große Kunstfertigkeit, die so ein Handwerk erfordert.  Nur wer darüber nichts weiß, spottet über “Klöppeln” oder andere Handarbeiten mit Nadel und Faden als geringwertige Tätigkeit.

Eine Pyramide als visuelle Ermutigung. Von unten nach oben: Benutze, was du hast  –  borge – tausche –  kaufe gebraucht – mach selbst – kaufe neu:

 

Dreimal  Textiles rund um den Ersten Weltkrieg.  Trauerkleidung eines sechsjährigen Mädchens in England, eine Zeitungsanzeige, eine Ausstellung in Berlin:

Und noch ein paar Tipps, Ausstellung, Film, Nähhilfe u.a.

Den letzten Lesetipp empfehle ich als Stärkung,  wenn mal wieder in irgendeinem Medium die Position vertreten wird,  Freude an Handarbeiten vertrüge sich nicht mit einem emanzipierten Frausein.  Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass diese Stimmen bald kleinlauter werden.  Daher zum Abschluss hier noch einmal den strickenden Schäfer, der hat schon die Weitsicht.

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Gemeinfreier Freitag, Rätsel gelöst – Die High Heels von 1880

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Letzten Freitag durftet ihr aussuchen, welches der unbekannten Objekte ich recherchieren sollte. Das wattierte Etwas oben hat in der Umfrage knapp gewonnen.

Was ist das also?

Die Abbildung stammt aus der Zeitschrift   Strawbridge & Clothier’s Quarterly , Ausgabe Frühjahr 1882.

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Strawbridge & Clothier war damals eine große Warenhauskette im Nordosten der USA.

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Das unbekannte Objekt ist dort unter der Überschrift “Straighteners” abgebildet.  Im Text dazu heiß es,  ständiges Tragen des Utensils könne den krummen Rücken korrigieren, den junge Mädchen bekommen, wenn sie zu viel mit der Nase in Büchern hängen.  Es sei aus zweilagigem Jean**  gearbeitet und enthalte, so wird versichert, keine Walknochen.

Ja, ihr lagt schon ganz richtig: Das wattierte Etwas ist tatsächlich wohl so eine Art Zwangsjacke.  Die “Straighteners”  waren dazu da, die Schultern der jungen Mädchen nach hinten zu ziehen und ihnen eine aufrechte Haltung beizubringen.

Wie wurden sie angelegt?  Es hat ziemlich gedauert, bis ich das herausgefunden habe. Aber es gibt tatsächlich Abbildungen dazu. (Link=Klick aufs Bild).

Wahrscheinlich wurden sie so getragen wie in dieser kanadische Zeitungsanzeige von 1910:

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Im Katalog der Pariser Grands Magasins du Louvre ist 1909 eine ähnliche Konstruktion zu sehen, ebenfalls für junge Mädchen gedacht. Auf französisch heißen sie  ÉPAULIÈRES.

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Auf deutsch habe ich nur den Ausdruck “Geradehalter” gefunden, von denen es wohl viele verschiedene Varianten gab.  Ein Schnittmuster für einen ähnlichen Geradehalter war der Illustrierten Frauenzeitung von 1883 beigelegt, gedacht für kleine Mädchen.

Vielleicht geben uns diese  Passagen aus dem Tagebuch einer jungen Französin einen Eindruck vom Tragekomfort. Die ca. Vierzehnjährige, die eine schlanke aufrechte Dame werden möchte,  wird von ihrer Mutter Tag und Nacht in verschiedene Arten von Korsetts geschnürt, dazu trägt sie auch Schulterhalter.  (Nachtrag: Wie Lucy kommentiert, könnte dieses Tagebuch auch ein Fake sein. Ich prüfe noch mal nach,  ob es wenigstens gut ausgedacht ist →  Oh je, das scheint ein sehr weites Feld zu sein. Schon damals wurden viele Korsettfantasien als wahr berichtet, da ist es schwer zu wissen, was stimmt. Ein wirres Wikipedia dazu. Ich lass die folgenden Zitate trotzdem zu Dokumentationszwecken mal drin)

22. September, 1883

Ich wünschte, Mutter würde meine Schultergurte wenigstens manchmal lockern, denn ich habe Nacken und Schulterschmerzen davon, dass die Schultern in so einer steifen Position gehalten werden. Ich habe sie schon mehrmals darum gebeten, aber sie versichert mir, es sei in meinem besten Interesse, dass ich aufrecht und gerade wachse… Manchmal sehne ich mich danach, wie früher zu laufen und herumzutollen, aber ich genieße es auch sehr, wie eine Dame behandelt zu werden und von allen akzeptiert zu sein…

5. Januar 1884

Heute war es sehr unangenehm. Mein neues Korsett wird mehr Anpassungen brauchen als ich dachte… Ich war enttäuscht, dass Mutter mich vor dem Frühstück nur auf 17 Inches schnürte, aber bald verstand ich, wie weise das war. Es drückte mir bei jeder Bewegung unbarmherzig in die Rippen und zwang mich zu einer extrem aufrechten Haltung, damit meine Schultergurte mir nicht einschnitten….

(Ich habe diese Zitate aus dem Englischen übersetzt, das französische Original würde mich ja sehr interessieren [edit: wenn es eins gibt und das dann nicht bloß fantasiert ist]. Die Schilderungen klingen schlimm. Das Schnüren wird von den jungen Mädchen einerseits als Freude und Ehre empfunden, andererseits wird es von der Mutter auch als Bestrafung eingesetzt.  → könnte auch alles fiktiv, sogenannte “Korsettliteratur” sein.)

Eine Taille mit 17 Inches, das entspricht einer Taillenweite von 43 cm. Das ist ein bisschen mehr als der Umfang einer CD, wie man gestern abend bei Hirschhausens Quiz des Menschen lernen konnte.  Zum Thema Korsett sagte eine Burlesque-Tänzerin in der Sendung: Heute beim Diktat der Bequemmode sei es fast schon wieder ein feministischer Akt, ein Korsett zu tragen.  Sie sagte außerdem “Ein Korsett tut weh, High Heels tun auch weh”.  Das leuchtet mir ein.  Jedenfalls kann man nicht über geschnürte Frauen in früheren Jahrhunderten den Kopf schütteln, wenn man gleichzeitg mit extrem verbogenen Füßen durch die Welt stöckert. In beiden Fällen lebt man unbequem, fühlt sich dafür aber weiblich und elegant.

 

*   Bei allen Abbildungen gilt: Quelle = Klick aufs Bild

**  Jean, oder auch Jeans, wurden damals Stoffe in Köperbindung genannt, sie waren aus Baumwolle oder BW-Wollgemischen und nicht unbedingt blau gefärbt.

 

Die anderen Bilder vom letzten Freitag habe ich hier  verlinkt = Klick aufs Bild. Bei Interesse könnt ihr nachschauen, was das war. Aber ihr lagt als Kollektiv schon ziemlich richtig, glaube ich:

Waren-Schaudekoration – Sitzsauna – Spezialknoten – Kätzchenmanie, so in die Richtung. Das war super! Ich hätte nie gedacht, dass ihr den Dingen so nah kommt.

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Allerdings, wenn ich statt des badenden Mannes seinen Kumpel hier ausgesucht hätte, dann hätten mich eure Tipps ja mal interessiert:

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Ein schönes langes Wochenende für euch!  Ich werde meinen krummen Rechercherücken jetzt mal ein bisschen draußen aufrichten, in Turnschuhen. Bis bald…

 

Echt und Falsch XII

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Draußen die Blätter haben mich zu weiteren Blattpaaren inspiriert. Rechts echt, links aus Stoff, Faden und Farbe. (Oder ist es umgekehrt?)

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Die echten Blätter werden im Lauf der Zeit verschrumpeln.  Das Blattpaar vom letzten Jahr

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sieht jetzt so aus:

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Auf Wunsch außerdem noch das gestickte Skizzentuch vom letzten Eintrag in etwas größeren Bildern.

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Ich habe ziemliche Probleme, das Ganze gut zu fotografieren.

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Mir gefiel  das fertige Stück dann am Ende doch. Bloß sind mir solche freien Maschinenstickereien gerade ein bisschen über. Es gibt diese Optik inzwischen so oft – jedenfalls wenn man  zu viel im Netz herumschaut.

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Stoffspielerei im September: Nähfuß für Minimalismus

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Für die Überschrift entschuldige ich mich, diese Woche habe ich sprachmäßig einen Clown geschluckt, oder wie das heißt.

Heute geht es um die Stoffspielerei  im September, für die  Griselda  das Thema “Nähfüße” vorgeschlagen hatte. Zunächst dachte ich, das sieht schlecht aus für mich, weil bei meiner alten Pfaff 260 gar keine Sonderfüße dabei waren. Andererseits besitze ich eine ganze Schachtel mit Nähfüßen anderer Maschinen und sonstige seltsamen Teilen. Außerdem hatte ich in Frankreich eine Anleitung für die alte Pfaff gefunden. Also setzte ich mich hin und probierte mithilfe des Büchleins die Nähfüße durch – einige passten sogar! Ich nahm mir einen Fuß  mit Abstandshalter vor.

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Ich wollte ganz minimalistisch quilten. Weiße Nähte auf schwarzem Grund.

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Abstandshalter falsch herum, im Anleitungsheft oben richtig.

Diesen Metallriegel schraubt man auf der Maschine fest und kann dann parallel zum Rand nähen. Das lohnt sich aber nur, wenn man weit vom Rand weg eine Naht braucht. Ansonsten reicht es eigentlich aus, das Füßchen als Orientierung zu benutzen – ich wäre hier also auch ohne den Abstandhalter ausgekommen.

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Dieser Bügel ist hilfreich, wenn man innerhalb einer Fläche Parallelnähte mit größerem Abstand braucht. Das ist bestimmt auf einerer größeren Fläche zum Quilten sehr gut. Bei meinem kleinen Quadrat und den vielen Nähten wieder nicht so unbedingt notwendig – aber wenigstens habe ich es probiert und weiß jetzt, was ich da habe.

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Das minimalistische Quadrat ist nun ein Topflappen. Danach quiltete ich noch zwei weitere Stücke, die per se schon so krumm und schief waren, dass es auf parallele Nähte  nicht mehr ankam.

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Als Inhalt für die Topflappen habe ich mehrere Lagen  Reste alter Handtücher benutzt. Das gefällt mir ganz gut, ist schön fest im Griff.  Das Rechteck links zeigt einen früheren Stoffmalversuch nach einer Skizze einer Bauhaus-Schülerin, ich weiß leider nicht mehr, welcher.

Erst später viel mir ein, dass ich ja  schon oft einen Sonderfuß benutzt hatte, und zwar den Stopffuß. Mit dem kann man wunderbar Maschinenzeichnen. (Wenn man keinen hat, auch nicht schlimm, dann nimmt man sich einen Stickrahmen und stickt ganz ohne Fuß).

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Mithilfe dieses Stopffußes hatte ich inzwischen auch dieses vor Jahren begonnene Stoff-Skizzenbuch beendet.

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So, nun will ich diesen Beitrag abschicken. Und freue mich auf andere Werke, die Griselda von Machwerke heute freundlicherweise sammelt.

Bei ihr könnt ihr wirklich etwas lernen, und zwar eine Menge Tricks für feine Säume.

Vielen Dank!